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1990-
Wiedereinstieg in den frei finanzierten Wohnungsneubau
Mitte der achtziger Jahre hatte sich der Wohnungsmarkt deutlich entspannt, zahlreiche Wohnungen standen leer. Nur wenige Jahre später hatte sich das Blatt jedoch wieder vollständig gewendet. Die positive wirtschaftliche Entwicklung hatte dazu geführt, dass die Ansprüche an die Ausstattung und Größe der Wohnung angestiegen waren. Die Wohnfläche pro Kopf der Bevölkerung erreichte im Jahr 1989 ein bis dahin nicht gekanntes Niveau. Dazu kam, dass die Zahl der eigenständigen Haushalte durch die geburtenstarken Jahrgänge auf dem Wohnungsmarkt zunahm und sich die Zahl der Single-Haushalte beständig erhöhte. Entscheidenden Einfluss hatten darüber hinaus die politischen Umwälzungen in Osteuropa.
 Die Freie Scholle mischt mit: Mitglieder verhindern durch ihre Proteste, dass eine Anwohnerstraße Durchgangsstraße wird.
Durch die Öffnung der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion setzte 1987 ein Zustrom von Aussiedlern ein, der die westdeutsche Wohnungswirtschaft sehr schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit brachte. Zwar verhängte die Bundesregierung 1988 einen Zuzugsstopp für Aussiedler aus Polen und der Sowjetunion, durch die Öffnung der Grenzen zur DDR im November 1989 kam es allerdings nicht zu der erhofften Entspannung auf dem Wohnungsmarkt.
Dementsprechend lagen im Jahr 1990 in der Freien Scholle 4.116 Wohnungsbewerbungen vor. Bis 1993 stieg die Zahl der Bewerbungen auf 9.131 an. Dem standen im gleichen Zeitraum allerdings nur durchschnittlich 370 gekündigte Wohnungen pro Jahr gegenüber. Wer zu dieser Zeit eine Wohnung in der Freien Scholle suchte, musste sehr viel Geduld aufbringen, denn die Wartezeiten betrugen zwei Jahre und mehr. Besonders schwer waren Familien mit Kindern von der Wohnungsnot betroffen. Bei rund 1.250 Wohnungsbewerbungen für insgesamt zwanzig gekündigte Vier-Zimmer-Wohnungen hatte die Freie Scholle 1992 nur äußerst begrenzte Möglichkeiten.
Dennoch blieb die Genossenschaft ihrer Linie treu und stieg - anders als die meisten bundesdeutschen Wohnungsunternehmen - nicht in den Wohnungsneubau ein. Stattdessen setzte sie die Modernisierung und Instandhaltung ihres Hausbesitzes fort. "Wir haben auch in 1990 keine neuen Genossenschaftswohnungen gebaut, weil die Förderbedingungen für unsere Genossenschaft weiterhin nicht akzeptabel sind. Dafür haben wir im Geschäftsjahr die Modernisierung unseres Hausbesitzes, durch die wir langfristig preisgünstigen Wohnraum sicherstellen, ... fortgesetzt“, begründete der Vorstand im Geschäftsbericht des Jahres 1990 diese Entscheidung.
Dabei stand die Aufnahme öffentlicher Mittel zu keiner Zeit zur Diskussion. Im selben Geschäftsbericht erklärte der Vorstand dazu: „Des weiteren sind wir nicht bereit, ein hundertprozentiges Belegungsrecht der Kommune für die Bereitstellung von Geldern einzugehen. Wir lehnen es ab, im Wohnungsbau lediglich als Bauersteller zu wirken, der zwar das volle Risiko trägt, aber kein Mitspracherecht
bei der Belegung der Wohnungen ausüben darf. Derartige Maßnahmen stehen nicht im Einklang mit unseren genossenschaftlichen Grundsätzen. Wir haben deshalb davon Abstand genommen, im öffentlich finanzierten Bereich Neubau zu betreiben." Dazu kam, dass öffentlich geförderte Wohnungen nur an Bewerber vergeben werden durften, die innerhalb der Einkommensgrenzen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus lagen. Da diese Grenzen über Jahre nicht angehoben worden waren, erfüllten weniger als zwanzig Prozent der Erwerbstätigen diese Voraussetzung.
Außerdem veranlasste die Fehlbelegerabgabe viele langjährige Genossenschaftsmitglieder dazu, Eigentum zu erwerben oder eine teurere, aber doch frei finanzierte Wohnung auf dem Wohnungsmarkt zu suchen. Damit war es für die Genossenschaft zunehmend schwerer, in ihren Siedlungsgebieten ausgewogene Sozialstrukturen zu erhalten. Aus diesem Grund schlossen sich Mitglieder der Freien Scholle zu einem Verein zusammen, um gemeinsam gegen die Fehlbelegerabgabe zu klagen. Zwar blieb ihnen der Erfolg letztendlich versagt, dennoch machte ihr Engagement deutlich, dass die Genossenschaft nach wie vor nicht bereit war, sich dem Diktat der Politik zu beugen.
Erst 1995 erfolgte - parallel zur umfassenden Modernisierung - mit dem Baubeginn für das Nachbarschaftszentrum Meinolfstraße im Siedlungsgebiet Auf dem Langen Kampe der Wiedereinstieg in den frei finanzierten Wohnungsneubau. Als die Freie Scholle nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Bautätigkeit hier wieder aufgenommen hatte, fehlte für den Bau von Gemeinschaftseinrichtungen sowohl die Zeit als auch das Geld. Um diesen Strukturmangel zu beheben und um der ständig zunehmenden Nachfrage nach den Leistungsangeboten der Altenberatung und -betreuung und des Nachbarschaftshilfevereins nachzukommen, entwickelte die Freie Scholle für ihr größtes Siedlungsgebiet das Konzept eines Nachbarschaftszentrums, das allen Generationen offen stehen sollte. Durch die Bereitstellung von umfassenden Hilfsangeboten und den Ausbau der medizinischen und gewerblichen Infrastruktur sollte die Wohnsicherheit insbesondere für alte Menschen erhöht werden, der Neubau von barrierefreien Wohnungen für alle Altersgruppen sollte die Wohnungsstruktur im Stadtteil verbessern.
Bereits lange vor der endgültigen Fertigstellung des gesamten Bauvorhabens fand dieses Modellprojekt weit über Bielefeld hinaus Anerkennung. In zwei Bauabschnitten errichtete die Freie Scholle unter Beteiligung ihres Nachbarschaftshilfevereins und ihrer Bau- und Dienstleistungsgesellschaft an der Meinolfstraße bis Ende 1999 insgesamt 91 barrierefreien Wohnungen sowie verschiedene gesundheitsdienstliche und gewerbliche Einrichtungen. Aufgabe der im Nachbarschaftszentrum ansässigen Dienste ist es seitdem, die gesundheitsdienstliche Versorgung im Stadtteil zu gewährleisten.
Dementsprechend betreibt die Arbeiterwohlfahrt von hier aus ihren Mobilen Sozialen Dienst, und die Diakoniestation des Evangelischen Gemeindedienstes steht für die ambulante pflegerische Versorgung des Stadtteils zur Verfügung. Die Koordination der Dienste sowie die Beratung über Hilfs- und Dienstleistungen übernimmt der Freie Scholle Nachbarschaftshilfeverein. Außerdem ist das Amt für Soziale Dienste der Stadt Bielefeld mit einem Beratungsbüro vertreten. Über die Absicherung der gesundheitsdienstlichen Versorgung hinaus geht das Angebot des Aktivitätenzentrums, das von der AWO betrieben wird.
Angesichts der günstigen Hypothekenzinsen und der niedrigen Baupreise setzte die Genossenschaft ihre Bautätigkeit in den folgenden Jahren fort. In den Siedlungen Gatower Weg, Stuten hof und Gottlob-Binder-Straße, die vor allem durch ihre feingliedrige Architektur neue Akzente im Stadtbild setzen, baute sie zwischen1997 und 2001 insgesamt 112 Wohnungen. Wie auch bei der Modernisierung des Hausbesitzes war es Ziel der Baumaßnahmen, lebensgerechtes Wohnen in der Freien Scholle zu ermöglichen. Indem innerhalb eines Siedlungsgebietes unterschiedliche Wohnungstypen vorhanden sind, haben die Mitglieder die Möglichkeit, bei einer Veränderung ihrer Lebenssituation in ihrer vertauten Umgebung umzuziehen, so dass bestehende Nachbarschaften erhalten bleiben und stabile soziale Strukturen entstehen.
Für eine andere Neubaumaßnahme an der Kleinen Howe im Siedlungsgebiet Spindelstraße hatten Vorstand und Aufsichtsrat 1998 erstmals in der Geschichte der Genossenschaft den Abriss eines Hauses beschlossen, weil die Modernisierung nach den in der Freien Scholle üblichen Standards wirtschaftlich nicht zu vertreten gewesen wäre. Damit wurde der Weg frei für den Neubau von 44 Wohnungen, von denen 41 barrierefrei sind.
Wie das Nachbarschaftszentrum Spindelstraße ist der Neubau an der Kleinen Howe Bestandteil des Konzeptes, auch im Siedlungsgebiet Spindelstraße die Voraussetzungen für lebensgerechtes Wohnen zu schaffen. Dabei hat sich der Neubau zur Bestandsergänzung, wie ihn die Freie Scholle in diesem Bauvorhaben verwirklicht hat, bestens bewährt. Die Genossenschaft wird deshalb in Zukunft auch aus wirtschaftlichen Gründen in jedem Einzelfall prüfen, ob zur Modernisierung anstehende Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden müssen.
Angesichts der Probleme, die mit der Abnahme öffentlicher Mittel verbunden waren, finanzierte die Freie Scholle alle Neubaumaßnahmen frei. Voraussetzung dafür war allerdings, dass sich die Mitglieder, die eine der neu gebauten Wohnungen bezogen, durch eine erhöhte genossenschaftliche Selbsthilfe am Eigenkapital der Genossenschaft beteiligten und einen erhöhten Geschäftsanteil einzahlten. So deckten beispielsweise die Mitglieder am Gatower Weg zehn Prozent der Baukosten durch die Übernahme von Geschäftsanteilen ab. Dem genossenschaftlichen Selbstverständnis entsprechend sicherten sie sich dadurch langfristig bezahlbare Nutzungsgebühren, ohne dabei die Wirtschaftlichkeit der Genossenschaft zu gefährden.
(aus Festschrift: 90 Jahre Freie Scholle eG Bielefeld, 1911-2001)
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