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1950-1974
Der 1949 gewählte erste Deutsche Bundestag sah in der Wohnungsnot eines der größten und brennendsten Probleme. Es fehlten mindestens fünf Millionen Wohnungen. Besonders groß war die Not immer noch in den zerstörten Großstädten. Der Wohnungsbau wurde zu einer der vordringlichsten Aufgaben von Bund, Ländern und Gemeinden erklärt. Die Besserung der Wohnverhältnisse war die Voraussetzung für den Wiederaufbau der Wirtschaft. In der Begründung zum ersten Wohnungsbaugesetz von 1950, das die Grundlage für die systematische Förderung des sozialen Wohnungsbaus schaffte, heißt es: „Die beengten Wohnverhältnisse mindern, physisch und psychisch, die Arbeitsleistung. Ihre nachhaltige Steigerung ist unabdingbare Voraussetzung für die Gesundung der deutschen Wirtschaft. Infolge des Wohnungsmangels sind trotz eineinhalb Millionen Arbeitsloser zahlreiche Arbeitsplätze für Facharbeiter an den Schwerpunkten gewerblich-industrieller Entwicklung nicht besetzt. Als Schlüsselindustrie bildet die Bauwirtschaft den geeigneten Ansatzpunkt zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit allgemein.“
 Die Zeit der großen Neubauprogramme. Richtfest in der Siedlung "Großer Wiel" mit über 450 Wohnungen
Es war offensichtlich, dass die Wohnungsprobleme nicht über den zunächst ohnehin kaum funktionsfähigen Markt gelöst werden konnten. Es bedurfte des staatlichen Eingriffs, und das hieß in den fünfziger Jahren Wohnungsbewirtschaftung, Mietenstopp und vorrangige Förderung des sozialen Wohnungsbaus. Freifinanzierter Wohnungsbau wäre in dem notwendigen Umfang an der Kapitalknappheit gescheitert. Die staatlichen Hilfen und Eingriffe sollten von vornherein zeitlich begrenzt sein, denn die Wiederherstellung des freien Wohnungsmarktes war das erklärte Ziel der damaligen Bundesregierung. Fast 70 Prozent der zwischen 1949 und 1952 erbauten neuen Wohnungen wurden mit zinslosen oder zinsverbilligten öffentlichen Mitteln direkt gefördert.
Bereits 1950 wurden über 250.000 und in den folgenden Jahren durchschnittlich fast 300.000 Sozialwohnungen errichtet. Die öffentliche Bauförderung ermöglichte es der Freien Scholle, in den ersten Jahren nach der Währungsreform ihr bisher größtes Bauprogramm durchzuführen. Nach den ersten Neubauten Auf dem Niederen Esch mit 172 Wohnungen folgte 1950/51 der erste Bauabschnitt an der Spindelstraße mit 129 Wohnungen. Zwischen 1951 und 1953 wurden die Umsiedler-Siedlung Auf dem Langen Kampe mit 265 Wohnungen, die Siedlung Hartlager Weg mit 193 Wohnungen und zwei weitere Bauabschnitte an der Spindelstraße mit 283 Wohnungen errichtet. In vier Jahren baute die Freie Scholle 1000 Wohnungen und trug so zur Linderung der Wohnungsnot bei.
Die finanziellen Mittel für die umfangreichen Baumaßnahmen der Freien Scholle waren äußerst eng bemessen. Pro Wohnung standen nur begrenzt zinsverbilligte und zinslose öffentliche Darlehen oder Beihilfen zur Verfügung, da natürlich möglichst viele Wohnungen gefördert werden sollten. Baugelder des freien Kapitalmarktes waren teuer und knapp. Die Richtsatzmiete für Neubauten von damals 1,-- DM/qm im Monat durfte nicht überschritten werden, daher galt es, sehr sparsam und einfach zu bauen. Oberbaurat Hans Linz, Leiter der 1950 eingerichteten Technischen Abteilung der Freien Scholle, schreibt anlässlich des vierzigjährigen Bestehens der Genossenschaft: „Der Mangel an Baugeld in der ganzen Zeit seit der Währungsreform, vor allem aber seit dem Beginn des Koreakonfliktes, zwingt dazu, alle technischen und organisatorischen Hilfsmittel einzusetzen, um die Kosten des Wohnungsbaus - soweit es überhaupt möglich ist - zu verbilligen. Die damit ersparten Mittel können dann wieder neuen Wohnungsbauten zugute kommen, warten doch noch allein in unserer Stadt Zehntausende mit Sorge auf die Zuteilung von Wohnraum. Darum schelte uns niemand, dass unsere Häuser so einfach sind. Auch in der Zeit des großen Aufbaues nach dem Dreißigjährigen Kriege, die so viel Ähnlichkeit mit der unsrigen hat, beschränkte sich der Bürger beim Bau seines Wohnhauses wohl ein Jahrhundert lang auf die schlichteste Form und die einfachste Konstruktion.“
Rationelle Bauverfahren, Typisierung und Normierung der Bauelemente, ebenso die Anwendung neuer Baustoffe waren eine Notwendigkeit. „Bei unseren neueren Bauten haben wir“, schreibt Hans Linz, „uns auf eine einheitliche Raumtiefe, eine bei allen Wohnungsgrößen gleiche Installationswand zwischen Küche und Bad sowie auf eine einzige Größe und Ausführungsart des Treppenhauses beschränkt. Diese - wenn man so sagen will - innerbetriebliche Normung ermöglicht uns sicheres Veranschlagen, gestattet dem Unternehmer und Handwerker eine sichere Kalkulation und erleichtert für den Mann auf der Baustelle die Ausführung. Trotz dieser Vereinheitlichung blieb die Variierbarkeit der Grundrisse voll und ganz erhalten... Es war vor allem der Wunsch, preiswert und doch gut zu bauen, der uns zwang, bei der Auswahl der Konstruktionen und Baustoffe mehr ingenieurmäßig zu denken als nur traditionell handwerklich, wie es oft gerade im Wohnungsbau noch üblich ist.“
Die Bauhütte Teutoburg konnte durch ihre fortschrittliche Baumethode maßgeblich zur rationellen BauersteIlung beitragen. Außerdem wirkte sie - wie in den zwanziger Jahren - preisregulierend. Die Freie Scholle wehrte sich gegen die Schlichtbauweise. Sie weigerte sich, Treppenhäuser nicht zu verputzen oder Keilerböden in Stampflehm auszuführen, wie es damalige Vorschriften vorsahen. Auch auf einfache Bäder verzichtete sie nicht.
Die Wohnraumbeschaffung für zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebener in Deutschland bereitete auch in Bielefeld große Schwierigkeiten. Die Freie Scholle half auch hier, obwohl der Wohnungsbedarf der alten Mitglieder, die durch ihren finanziellen Beitrag die Genossenschaft leistungsfähig gemacht hatten, bei weitem noch nicht befriedigt war. Sie hat diesen Opfern des Krieges den Beitritt zur Genossenschaft erleichtert und in den fünfziger Jahren für sie in verschiedenen Siedlungen etwa 1000 Wohnungen gebaut.
Die ersten Siedlungen der Freien Scholle nach der Währungsumstellung entstanden im Osten der Stadt, zumeist auf Grundstücken, die von der Stadt bereitgestellt wurden. Die Bebauung erfolgte weitgehend an vorhandenen Straßenzügen, um Erschließungskosten zu sparen. Die Blockrand- oder Hofbebauung, die für die Freie Scholle vor dem Krieg so typisch war, wurde jetzt durch die Zeilenbauweise abgelöst. Die Grundstückszuschnitte, die Vorgaben der Stadt, aber vor allem auch die städtebaulichen Leitbilder der fünfziger Jahre führten zu dieser Entwicklung. „Bei geschickter Planung ist es beim Zeilen bau trotz guter Ausnutzung der Grundstücke möglich“, schreibt Hans Linz, „den Eindruck einer weiträumigen Bebauung zu erwecken und jeder Wohnung, ja fast jedem Wohnraum die notwendige Besonnung zu sichern.“
Zu den städtebaulichen Absichten führt Hans Linz weiter aus: „Die Hausgruppe soll sich in das vom Stadtplaner gedachte Gesamtbild des Stadtviertels einfügen, und soll sie doch oft genug auch Vorbild sein für die kleineren Privatbauten, mit denen so schwer ein einheitliches Ortsbild zu schaffen ist. In diesen Gebieten der zwei- bis dreigeschossigen offenen Bauweise verbieten sich geschlossene Bauanlagen von selbst, es gilt im Gegenteil die Bebauung weitestgehend aufzulockern. Wir freuen uns, heute, im Einvernehmen mit den für die Stadtplanung verantwortlichen Stellen, bei unseren neuen Bauvorhaben durchweg den Zeilen bau mit seiner strengen Trennung von Verkehrs- und Wohnwegen anwenden zu können.“
Die Freie Scholle baute in den ersten sieben Jahren nach der Währungsreform mehr Wohnungen als in den vorangegangenen 37 Jahren. Die hohen Bauleistungen der Freien Scholle und der vielen anderen gemeinnützigen Genossenschaften waren ein entscheidender Beitrag zur Linderung der größten Wohnungsnot, die es jemals in Deutschland gegeben hat, und sind einer ihrer größten Verdienste.
Die Freie Scholle und das Wirtschaftswunder
Der wirtschaftliche Aufschwung Mitte der fünfziger Jahre zeigt sich auch bei den Wohnbauten der Freien Scholle. Bereits 1954 baut sie die ersten Hochhäuser mit acht Geschossen am Nordpark und an der Spindelstraße, die durch ihren hohen Ausstattungsstandard - auf Zentralheizungen wird hier nicht mehr verzichtet - für die damalige Zeit beispielhaft waren.
Mit den Laubenganghäusern am Nordpark und an der Albert-Schweitzer-Straße setzt sich auch die Loggia oder der Balkon als Ausstattungsnorm für Freie-Scholle Wohnungen wieder durch. Bauland an bereits bestehenden Straßenzügen ist in diesen Jahren in größerem Umfang kaum noch vorhanden. Die Freie Scholle bebaut die noch freien Grundstücke Am Großen Holz und an der Spindelstraße, ihre Hauptbautätigkeit richtet sich Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren jedoch auf die neuen großen Siedlungsgebiete im grünen Saum der Stadt. Im Westen Bielefelds entstehen neben der Siedlung Albert-Schweitzer-Straße die Genossenschaftswohnungen am Flehmannshof. Im Südosten errichtet die Freie Scholle an der Memeler- und Allensteiner Straße in Stieghorst 200 Genossenschaftswohnungen und weitere Eigenheime.
Eine offene, aufgelockerte Zeilenbauweise in Kombination mit Eigenheimen und großen Grün- und Freiflächen ist für die Siedlungen bis Anfang der sechziger Jahre charakteristisch. Sie liegen oft direkt an bestehenden oder neu geschaffenen städtischen Grünzügen. Die drei- bis viergeschossigen Bauten mit Satteldach sind mit Balkonen versehen und komfortabel ausgestattet. Trotz der ausgedehnten Bautätigkeit kann die Freie Scholle bei weitem nicht alle Mitglieder mit Genossenschaftswohnungen versorgen, da die öffentliche Bauförderung nicht ausreicht. Hans Carlmeyer schreibt im Jubiläumsjahr 1961: „Die staatlichen Wohnungsbaumittel wurden in immer stärkerem Maße für bestimmte Personenkreise zweckgebunden. Die starre Rangfolge des zweiten Wohnungsbaugesetzes führte zu einer kaum noch vertretbaren Bevorzugung des Eigenheimbaus. Wohnungssuchende, die das notwendige Eigenkapital für ein Eigenheim nicht aufbringen konnten, mußten immer wieder zurückstehen. Dabei handelt es sich oft um die größten Notstände.“ Da die Stadt Bielefeld in diesen Jahren den sozialen Wohnungsbau zusätzlich aus eigenen Mitteln förderte, konnte die Freie Scholle 369 Wohnungen, darunter die Bauten an der Memeler Straße, zum größten Teil ohne Landesmittel finanzieren. Die Wohnungs- und Baupolitik der Bundesregierung findet auch in den folgenden Jahren nicht immer die Zustimmung der Freien Scholle. Der 1960 allmählich beginnende Rückzug des Staates aus der Förderung des sozialen Wohnungsbaus und die gleichzeitige Wiederherstellung des freien Wohnungs- und Bodenmarktes bleiben auch für das genossenschaftliche Bauen nicht ohne Folgen.
Im Bericht des Vorstandes für das Geschäftsjahr 1961 heißt es: „Auch auf dem Grundstücksmarkt haben sich die Verhältnisse nicht gebessert. Namentlich in den Ballungsgebieten steigen die Baulandpreise unaufhaltsam an und haben vielfach die zehnfache Höhe der früheren Stoppreise erreicht. Die Befürchtungen, daß das Bundesbaugesetz nicht wirksam genug ist, um das weitere Ansteigen der Baulandpreise zu verhindern, haben sich leider als richtig erwiesen. Das wirkt sich in unserem Tätigkeitsbereich besonders erschwerend aus, da die Stadt Bielefeld bekanntlich seit Jahren unter einer großen Raumnot leidet. Es ist uns deshalb kaum noch möglich, Baugrundstücke zu tragbaren Bedingungen zu bekommen.“
Durch die überhitzte Baukonjunktur Anfang der sechziger Jahre steigen zudem die Baupreise explosionsartig. „Die öffentlichen Wohnungsbaumittel sind bei den heutigen Baupreisen völlig unzureichend“, schreibt der Vorstand im Jahresbericht 1962. „Wenn noch Wohnungen für den ´Kleinen Mann´ gebaut werden sollen - und das ist ja in erster Linie unsere Aufgabe -, dann ist das nur noch mit Hilfe der Kommunen möglich.« Es ist dann auch die Stadt Bielefeld, die Finanzhilfen gibt und mit dem Aufkauf und der Erschließung zweier großer Neubaugebiete am Bültmannshof und in Baumheide den Bau genossenschaftlicher Wohnungen erleichtert. Die Freie Scholle konnte hier ihre beiden größten Siedlungen der sechziger Jahre errichten und 743 dringend benötigte Wohnungen fertigstellen.
Die Bauten dieser bei den Siedlungen werden erstmals bei der Freien Scholle mit Flachdächern ausgeführt. Die Anordnung der einzelnen Baukörper zueinander und ihre Ausrichtung nach optimalen Besonnungsgesichtspunkten entsprechen den städtebaulichen Idealen dieser Zeit. Die von Verkehrsstraßen unabhängige Führung der Fußwege und die großzügigen Grünflächen ermöglichen den Kindern in diesen Siedlungen ein gefahrloses Heranwachsen und Spielen.
Die Aufhebung der Mietpreisbindung und der Kündigungsschutzbestimmungen verschärft Anfang der sechziger Jahre den immer noch bestehenden Wohnungsmangel. Städte und Kreise, in denen nach der Bundesstatistik auf 100 Haushalte mehr als 97 Wohnungen entfallen, werden zu sogenannten »weißen Kreisen« erklärt und die Entwicklung der Mietpreise wird ausschließlich dem freien Markt überlassen. Bielefeld wird 1965 zum „weißen Kreis“ erklärt, obwohl nach einer Erhebung der Stadtverwaltung noch mindestens 3.500 Wohnungen fehlen.
„Dieser in unserer Stadt noch vorhandene große Wohnungsmangel erklärt auch“, heißt es im Geschäftsbericht 1965, „daß die Wohnungsgesuche bei uns zeitweise einen Umfang annehmen, der an die zurückliegende Zeit der größten Wohnungsnot erinnert. Es ist uns eine schwere Belastung und undankbare Aufgabe zugleich, diese vielen Bewerber immer wieder auf später vertrösten zu müssen, zumal, wenn es sich um Familien handelt, denen die Wohnung gekündigt wurde und die dadurch unverschuldet in eine akute Notlage gerieten. Der soziale Wohnungsbau darf deshalb kein Stiefkind des Wirtschaftslebens werden.“
Die Streichung von sozialen Wohnungsbaugeldern im gleichen Jahr stößt bei der Freien Scholle ebenso auf Kritik wie das Wohnungsbauänderungsgesetz, da es die Eigentumsförderung auf Kosten des sozialen Mietwohnungsbaus verstärken will. Der Geschäftsbericht von 1965 kommentierte die Gesetzgebung sehr deutlich: „Das Problem der verstärkten Eigentumsbildung ist zu Recht noch sehr umstritten und sollte unseres Erachtens so lange zurückgestellt werden, bis genügend Mietwohnungen vorhanden sind für jene bedauernswerten Mitbürger, die immer noch - 20 Jahre nach dem Zusammenbruch - auf ihre Wohnung warten. Schließlich ist es doch kein Geheimnis, daß nur die wenigsten finanziell stark genug sind, um sich ein Eigenheim oder eine Eigentumswohnung zu beschaffen. Das betrifft in erster Linie die jungen Ehepaare, die alten Leute und die kinderreichen Familien. Wie lange sollen sie denn noch warten? Die Sparmaßnahmen der Bundesregierung auf dem Wohnungssektor treffen gerade diesen Personenkreis besonders hart.“
Vom Neubau zur Modernisierung
Große Hoffnungen setzte die Freie Scholle 1967 auf die Wohnungsbaupolitik des ersten sozialdemokratischen Wohnungsbauministers in Bonn, Dr. Lauritzen, dessen Ziel es war, weiterhin 200.000 Sozialwohnungen im Jahr zu bauen. Auch die neue Landesregierung unter Ministerpräsident Heinz Kühn hatte sich für eine Belebung des sozialen Wohnungsbaus ausgesprochen. Das Land beabsichtigte, in Bielefeld jährlich fast 600 Wohnungen zu fördern. Mit der von der alten Regierung in den letzten Jahren betriebenen Politik der schrumpfenden Wohnungsbauförderung wurde Schluss gemacht, heißt es im Bericht des Vorstandes über das Jahr 1967.
Die neuen öffentlichen Mittel für den Wohnungsbau erleichtern es der Freien Scholle, an der Siebenbürger Straße einen zweiten Bauabschnitt mit 123 Wohnungen zu beginnen und auch an der Spindelstraße, an der Breslauer Straße und am Horstheider Weg neue Häuser zu errichten. Die sozialliberale Bundesregierung, mit der 1969 ein neuer politischer Abschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik beginnt, setzt die Förderung des sozialen Wohnungsbaus bis Mitte der siebziger Jahre fort.
Wenn die Freie Scholle in diesen Jahren nicht mehr so große Bauvorhaben in Angriff nimmt, so liegt dies an den hohen Bau- und Bodenpreisen und an der Form der öffentlichen Förderung. Das Land gibt keine zinsverbilligten oder zinslosen Darlehen mehr, sondern übernimmt für eine bestimmte Zeit die Zins- und Tilgungszahlungen für einen Teil der Hypotheken. Diese sogenannten Aufwendungsbeihilfen oder -darlehen werden aber im Abstand von einigen Jahren verringert. So sind Mietsprünge von vornherein vorprogrammiert, die den Politikern damals jedoch verkraftbar erschienen, da sie gleichzeitig von steigenden Löhnen ausgehen. Der Glaube an stetige kräftige Lohnerhöhungen war ein Trugschluss, wie wir heute wissen. Viele Sozialwohnungen, die in den siebziger Jahren vor allem von großen Gesellschaften gebaut worden sind, müssen heute noch einmal nachsubventioniert werden und sind selbst dann für viele Mieter noch zu teuer.
Für die Freie Scholle ist diese Förderungsform nur sehr begrenzt tragbar. Im Geschäftsbericht von 1969 heißt es: „Zu bedenken ist auch, dass die künftigen Bewohner (der Häuser am Senner Hellweg) in fünf Jahren, wenn die Aufwendungsbeihilfe von 0,80 DM wegfällt, nicht 3,20 DM, sondern 4,00 DM je qm Wohnfläche aufzubringen haben. ... Der Baubeginn mit 12 Wohnungen sieht... recht dürftig aus. Wir können und wollen aber nicht um jeden Preis bauen, denn schließlich müssen unsere Wohnungen auf Dauer bezahlbar sein.“
Weiter steigende Baupreise sind auch Anfang der siebziger Jahre ein Problem, dessen Ursache in der Zersplitterung der Bauwirtschaft und ihrer geringen Produktivität gesehen wird. Durch Fertigteilbauweisen versucht man in diesen Jahren, bei großen Bauvorhaben die Arbeitszeiten pro Wohnung zu verringern. „Der Arbeitsaufwand zur Errichtung einer Wohnung beträgt bei uns durchschnittlich 1.600-2.000 Stunden, während beispielsweise in Schweden nur 800 Stunden aufgewandt werden“, führt der Geschäftsbericht 1971 aus. Um Baukosten zu senken, wendet die Freie Scholle am Senner Hellweg erstmals vorgefertigte Bauteile an.
Auch die schwierige Grundstücksbeschaffung hemmt die Bautätigkeit der Freien Scholle um 1970. „Eine weitere Sorge ist der Erwerb von Baugrundstücken zu tragbaren Bedingungen. Auch hier ist eine fortschreitende erhebliche Verteuerung festzustellen, so daß wir uns bei überhöhten Preisen wohl oder übel damit abfinden müssen, auf den Kauf von dringend notwendigen Baugrundstücken zu verzichten. Es ist höchste Zeit, durch eine umfassende Reform des Bodenrechts die Bodenpreisspekulation einzudämmen. Die hohen Bodenpreise beeinflussen in immer stärkerem Maße die Höhe der Mieten. Schon die zur Zeit gültige Mietobergrenze von 3,20 DM je Quadratmeter monatlich ist für den Personenkreis, für den wir bauen, kaum tragbar“, schreibt der Vorstand 1969. Die Häuser am Senner Hellweg waren damals die ersten, die wegen der hohen Bielefelder Bodenpreise außerhalb des damaligen Stadtkreises gebaut wurden. 1972 gelingt es dann nach langen Verhandlungen, ein Grundstück in Brake, das die Freie Scholle in den vierziger Jahren erworben hatte und das sich nicht mehr zur Wohnbebauung eignete, über die Stadt Bielefeld gegen ein 88 000 qm großes Gelände in der südlichen Sennestadt am Verler Dreieck zu tauschen. Im gleichen Jahr kann die Genossenschaft auch an der Dürerstraße ein noch relativ preiswertes Baugelände erwerben. Damit steht Bauland für mehr als 300 Genossenschaftswohnungen und weitere Eigenheime in den nächsten Jahren bereit.
Zwischen 1973 und 1975 wird am Verler Dreieck noch einmal ein großes Bauprojekt mit 162 Genossenschaftswohnungen verwirklicht. Bei der Finanzierung half vor allem eine sehr zinsgünstige Hypothek der Volksfürsorge Hamburg. Die Wohnungen haben einen sehr hohen Ausstattungsstandard und die einzelnen Häuser sind so angeordnet, dass drei halboffene, kreisförmige Höfe entstehen. Die hier eingerichteten Kinderspielplätze finden bei den Mitgliedern und besonders bei den Kindern regen Zuspruch. Bei der Gestaltung der Gebäudefronten verwendet die Technische Abteilung erstmals farbige, großflächtige Fassadenelemente.
(aus Festschaft: 75 Jahre Freie Scholle eG Bielefeld, 1911-1986)
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