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1930-1949

"Braunhemden" marschierten auf

Im Januar 1933 übernahm die "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei" (NSDAP) mit ihrem "Führer" Adolf Hitler die Macht in Deutschland. Es waren nicht wenige auch in unserem Bau- und Sparverein, die sich nun bessere Zeiten erhofften. Aber schon bald die Ernüchterung. Überall marschierten die "Braunhemden" auf. Im gleichen Schritt und Tritt. Die traditionellen politischen Parteien und die Gewerkschaften wurden verboten, Bürgermeister Rappold vor die Tür gesetzt. Eine Welle von "Gleichschaltungen" setzte ein. Die Umstellung auf das "Führerprinzip" machte auch in unserer Genossenschaft die „Gleichschaltung“ der Verwaltungsorgane erforderlich. Die Gremien Vorstand und Aufsichtsrat blieben jedoch bestehen. Allerdings vollzog sich ein genereller personeller Wechsel. Jene Personen, die Ämter bekleideten, mussten mit den Nationalsozialisten sympathisieren. Wer das innerlich nicht konnte, machte zum Teil äußerlich gute Miene zum bösen Spiel. Gegner der „Nazis“ hatten keine Chance.

Allgemein machte sich trotz allem Euphorie breit. Auch in unserer Genossenschaft. Zitieren wir aus dem Geschäftsbericht für das Jahr 1933: ,,1933 war nicht ein Jahr, das sich nach bekannter althergebrachter Ordnung an das vorherige reihte, sondern für uns Deutsche ein Jahr geschichtlicher Wende. Endlich nach Jahren sinnloser politischer Verhetzung hat das deutsche Volk sich auf sich selbst besonnen und in treuer Gefolgschaft zu seinem Führer den Weg in eine bessere Zukunft angetreten... Wir können mit neuem Mut und neuen Hoffnungen in die Zukunft blicken".

Das ausgerufene "dritte Reich" sollte mindestens tausend Jahre überdauern... In unserem Bau- und Sparverein wurde eine neue Satzung erlassen, die Nutzungsverträge bedurften der Anpassung an dem von den obersten Landesbehörden veröffentlichten Muster.

Der Vorstand bestand aus Aug. Schönlau jr., Karl Woeste, Otto Klinge, Ad. Schmidt, Claus Hoppe und Gust. Winterhoff. Den Aufsichtsrat bildeten Aug. Schönlau sen., Walter Schürhoff und Heinr. Windgasse.

Die Bilanz des Jahres 1933 schloss in Aktiva und Passiva mit 270.293,87 RM ab, die Gewinn- und Verlustrechnung mit 43.586,05 RM. Die Mitgliederbewegung veränderte sich nur unwesentlich: 28 Zugängen standen 32 Abgänge gegenüber. Der Bau- und Sparverein Gevelsberg zählte am Jahresende 174 Mitglieder mit 246 Anteilen.

Gemeinnützigkeit anerkannt

Mit Datum 25. Oktober 1933 erhielt unsere Genossenschaft vom Verbandspräsidenten des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk folgende Mitteilung: "Auf Grund der Gemeinnützigkeitsverordnung vom 1. 12. 1930 - in Verbindung mit dem Erlaß des Herrn Preußischen Ministers für Volkswohlfahrt vom 22. 12. 1930 - erkenne ich hiermit den Bau- und Sparverein zu Gevelsberg e.G.m.b.H. in Gevelsberg als gemeinnütziges Wohnungsunternehmen an. Die Anerkennung erfolgt mit Rückwirkung ab 28. Februar 1933". (Es fällt auf, dass der nach der Machtübernahme durch die Nazis übliche Gruß "Heil Hitler" bei diesem Schreiben fehlt.)

Durch Beschluss der Mitgliederversammlung am 26. März 1934 erhielten die §§ 20 und 22 der Satzung folgende Fassung: Der Vorstand besteht aus drei, der Aufsichtsrat mindestens aus sechs Personen.

Infolge von 35 Neuzugängen überschritt unsere Genossenschaft 1936 vorübergehend erstmals die Grenze von 200 Mitgliedern. Am Ende des Geschäftsjahres waren es jedoch "nur" 185 mit 208 Anteilen. 1937 stellte sich dann doch der Erfolg ein: 226 Mitglieder mit 248 Anteilen. Allerdings: Juden konnten nach einer Satzungsänderung die Mitgliedschaft nicht mehr erwerben. Als Geschäftsführer im Vorstand zeichnete nun Claus Hoppe. Dieser nahm Gelegenheit, jene Mitglieder besonders zu erwähnen, die sich vor 1933 "beispiellos aufopfernd lange Jahre in den Dienst der guten Sache gestellt und sich in Jahrzehnte langer Arbeit um das Wohl eines Wohnungsunternehmens wie den Bau- und Sparverein zu Gevelsberg verdient gemacht haben ": August Schönlau sen., Mitbegründer der Genossenschaft. Seit 1905 im Aufsichtsrat und dessen Vorsitzender seit der Gleichschaltung im Jahr 1933. Gestorben 1942. Hermann Dahlmann sen., Mitbegründer, Vorsitzender des Aufsichtsrates von 1900 bis 1933. Gestorben 1937. Reinhard Drevermann, Mitbegründer, Vorstandsmitglied von 1898 bis 1924. Langjähriger Vorsitzender des Vorstandes. Gestorben 1932. Julius Pitz, Mitbegründer, Aufsichtsratsmitglied von
1902 bis 1933. Gestorben 1934. Eduard Wendt, Mitbegründer, Aufsichtsratsmitglied von 1898 bis 1933. Gestorben 1937. Gustav Winterhoff, Vorstandsmitglied von 1907 bis 1934. Mehr als zehn Jahre waren folgende Mitglieder in den Organen der Genossenschaft tätig: Reinhard Backhaus, Emil Flüs, Wilhelm Frenz, Wilhelm Hendrich, Hermann Huth, Paul Huth, Adolf Köllmann, Heinrich Kottenhoff, Heinrich Marpe, Pastor Heinrich Röttger, Wilhelm Rüping, Wilhelm Werthmann.

Eigenheime an der Friedhofstraße

Im November 1938 berichtete die Gevelsberger Zeitung über neue Planungen unserer Genossenschaft: Fünf Häuser mit 25 Wohnungen an der Astern- und Fliederstraße, weitere 48 Wohnungen an der Gartenstraße sowie 20 Eigenheime für Kinderreiche im Bereich Ufer. Zum Eigenheimbau schrieb Geschäftsführer Claus Hoppe im Dezember 1936: "Im Laufe der Jahre befaßte sich der Bau- und Sparverein auch mit dem Bau von Erwerbshäusern. Erstmalig wurde einer Reihe von Mitgliedern die Möglichkeit geboten, nach einer bestimmten Zeit ein eigenes Haus auf eigener Scholle zu besitzen. Für diesen Zweck wurden die unbebauten Grundstücke an der Bredde- und Friedhofstraße zur Verfügung gestellt. Hier entstanden unter tatkräftiger Mitarbeit der Kaufanwärter 13 Einfamilienhäuser, von denen zwischenzeitlich 12 in deren Besitz übergegangen sind".

Jedes Grundstück umfasste 1000 qm. Die Kosten je Haus beliefen sich auf 9500,- RM, der Einheitswert wurde auf 6800,- RM festgesetzt. Die Ausführung der Häuser war einfach, aber solide: Drei Zimmer im Erd- sowie zwei Mansardenzimmer im Dachgeschoss. Wohnfläche insgesamt 70 qm. Um die Eigenheime an der Friedhofstraße bauen zu können, musste der steinige Hang abgetragen und der Hundeicker Bach verlegt werden. Der Geschäftsführer: "Ebenso wie In der Leibzucht ist hier aus wenig nutzbarem Land eine mustergültige Siedlung geworden".

Rückschlag durch 2. Weltkrieg

Zwischen 1936 und 1938 wurden an der Wald- und Friedhofstraße weitere fünf Häuser mit 30 Wohnungen und 1545 qm Wohnfläche sowie an der Friedhofstraße, Breddestraße und In der Leibzucht zusammen 13 Eigenheime mit 1062 qm Wohnfläche errichtet.

Nur sechs Jahre waren die braunen Nationalsozialisten mit ihrem "Führer" an der Macht in Deutschland, da zettelten sie schon einen Krieg an: Mit dem Einmarsch deutscher Truppen ins benachbarte Polen brach am 1. September 1939 der 2.Weltkrieg aus. Auch für unseren Bau- und Sparverein Gevelsberg gab es einen neuen und in seinen Ausmaßen kaum absehbaren Rückschlag. Der Vorstand berichtete am 23.

April 1940: "Das hinter uns liegende Geschäftsjahr 1939 hat die starke Aufwärtsentwicklung der Genossenschaft jäh unterbrochen. Die vorgesehenen umfangreichen Baumaßnahmen sind durch den heraufbeschworenen Krieg nicht zur Ausführung gelangt. Diese Tatsache ist für den hiesigen Wohnungsmarkt besonders dadurch unangenehm, daß nach den letzten Ermittlungen der Stadtverwaltung der Bedarf an Kleinwohnungen weiterhin erheblich gestiegen ist"

Zugleich geht aus dem Geschäftsbericht hervor, dass an der Gartenstraße - in guter Wohnlage - Grundstücke erworben wurden und Anfang 1940 Verhandlungen über den Erwerb größerer Parzellen in Vogelsang erfolgreich zum Abschluss gebracht werden konnten. Insgesamt stand "für spätere Vorhaben" Baugelände von 50.000 qm zur Verfügung. Zwei Projekte befanden sich bei Ausbruch des Krieges bereits in der Ausführung: Mietwohnhaus mit sechs "Arbeiterwohnstätten" Waldstraße 34 sowie acht Häuser mit 40 "Volkswohnungen" an der Gartenstraße. Während das Haus an der Waldstraße (Kosten 38.000 RM) - heute Nr. 70 – im Frühjahr 1940 bezogen werden konnte, wurde das Bauvorhaben Gartenstraße nach Abschluss der Ausschachtungsarbeiten zurückgestellt. Nach Kriegsende sollte außerdem das geplante Projekt an der Astern- und Fliederstraße ausgeführt werden.

Die Häuser an der Teichstraße erhielten Treppenaufgänge und Bruchsteinmauern. Erstmals ist vom Bau von drei Autogaragen zu lesen, die für 3642,13 RM an der Waldstraße errichtet wurden. Insgesamt verfügte unsere Genossenschaft jetzt über 61 Häuser mit 148 Wohnungen und 8695 qm Wohnfläche. Die Zahl der Mitglieder war zum Ende des Geschäftsjahres 1939 auf 285 angestiegen.

Geschäftsstelle Rosendahler Straße 63

1940 gab es den gedruckten Geschäftsbericht in rotem Einband. Angeführt ist eine Geschäftsstelle unserer Genossenschaft: Rosendahler Straße 63. Es handelte sich um die Wohnung von Geschäftsführer Claus Hoppe, der allerdings - wie viele unserer Mitglieder - Soldat geworden war. Anfallende Arbeiten erledigte seine Frau. Zum Vorstand gehörten noch August Schönlau jr. als Vorsitzender und Karl Woeste als dessen Stellvertreter. Den Aufsichtsrat bildeten August Schönlau sen. (Vorsitzender), Otto Klinge (Stellvertreter), Konrad Brandt, Rudolf Schöler, Gustav Krauledat und Fritz Rutenbeck.

1941 - am 8. Juni - fand die Generalversammlung im Restaurant von Ewald Schilken in der Haufe statt. Lediglich die üblichen Regularien wurden abgewickelt, über besondere Ereignisse gab es nichts zu berichten.
Die Hagener Straße war inzwischen in "Straße der SA", die Mittel- in "Adolf-Hitler-Straße" und die Elberfelder- in "Hindenburgstraße" umbenannt worden. Ratsherren der Stadt Gevelsberg waren lediglich Mitglieder der NSDAP. Das Amt des Bürgermeisters hatte Dr. Günther Albitz inne. Er wird 1943, obwohl ebenfalls Soldat, als Vorsitzender des Aufsichtsrates unseres Bau- und Sparvereins genannt. August Schönlau sen. war 1942 gestorben.

Die Generalversammlung am 1. Oktober 1943, ebenfalls beim Gastwirt Ewald Schilken, leitete Stellvertreter Otto Klinge. Die Gevelsberger Zeitung berichtete darüber und traf die Feststellung: "Die Versammlung hat gezeigt, dass das einzige gemeinnützige Wohnungsunternehmen unserer Stadt für die späteren Aufgaben gerüstet dasteht" .

Weiße Tücher auch an den Bauvereins-Häusern

Mit dem Einmarsch amerikanischer und kanadischer Truppen war für die Gevelsberger am 14. April 1945 der Krieg zu Ende. "Hitler-Oeutschland" kapitulierte dann endgültig am 8. Mai 1945. Ein totaler Zusammenbruch. Nahezu alle Städte in der Nachbarschaft, besonders die größeren Metropolen, waren zertrümmert. Die Stadt Gevelsberg war von Bombenangriffen weitgehend verschont geblieben. Lediglich über dem Stadtteil Haufe hatte ein britischer Bomber in der Nacht zum 15. April 1942 seine tödliche Last abgeworfen: 33 Tote waren zu beklagen. Zwei Häuser an der Zimmerstraße sackten in sich zusammen, mehrere andere wurden beschädigt. Totalschaden durch Bombenangriff erlitt auch das genossenschaftseigene Haus Breddestraße 78. Mehrere Häuser in der unmittelbaren Nachbarschaft wurden stark in Mitleidenschaft gezogen.

Mutige Männer verhinderten in den letzten Stunden des Krieges durch besonnenes Eingreifen, dass Gevelsberg von den einmarschierenden Truppen dem Erdboden gleich gemacht wurde. Auch die Mieter unserer Genossenschaftswohnungen hissten weiße Tücher als Zeichen dafür, dass man keinen Widerstand leiste.

Nach Kriegsende brach große Not über die Menschen herein. Im Ennepe-Ruhr-Kreis hatte nun eine britische Besatzungsmacht (Sitz in Schwelm) das Sagen. In Gevelsberg besetzten englische Soldaten die Häuser des "Dichterviertels" (Goethe-, Lessing-, Schiller-, Körnerstraße) sowie das Gymnasium an der Neustraße. Lebensmittel wurden knapper und knapper, auf dem Wohnungssektor "regierte" wieder die Zwangswirtschaft. Auch unsere Mieter mussten näher zusammenrücken, denn es galt, zunächst ausgebombte Familien aus den benachbarten Großstädten, später Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten unterzubringen.

Neuaufbau nach dem totalen Zusammenbruch

An besondere Aktivitäten in unserem Bau- und Sparverein war zwar noch nicht zu denken, jedoch legte man die Hände nicht in den Schoß und begann, den Neuaufbau vorzubereiten.

Einen erfreulichen Aspekt gab es in dieser schweren Zeit lediglich insofern, als die Mitgliederzahl im schwierigsten Geschäftsjahr seit Bestehen unserer Genossenschaft erstmals die 300-Grenze überschritt: Zum 31. Dezember 1945 waren 301 Genossen (mit 346 Anteilen) registriert.

Dass die Bilanz in Aktiva und Passiva mit 639.652,20 RM abschloss und sich das Geschäftsguthaben aller Mitglieder um 4948,85 RM vermehrte, hatte keinen bedeutenden Aussagewert. Denn für Geld war ohnehin nichts zu bekommen. Wegen der widrigen Verhältnisse konnte der Jahresabschluss 1945 erst im November 1946 vorgelegt werden.

Das Amt des Vorsitzenden unseres Aufsichtsrates hatte jetzt Hermann Hußmann inne. Der Rektor der Volksschule Schnellmark war im April 1945 von der Militärregierung der englischen Besatzungsmacht als Bürgermeister der Stadt Gevelsberg eingesetzt worden. Den Vorstand bildeten 1945 die Herren Thenhaus (Stadtverwaltung) und Schönlau. H. Hußmann ging zum 1. November 1945 an die Schnellmarkschule zurück, sein Nachfolger als Bürgermeister wurde der Beigeordnete Gustav Trost.

Paul Hetzler im Vorstand

1946 wird als Vorstandsmitglied erstmals Paul Hetzler genannt. Ein Mann, der sich mit großer Energie und nimmermüder Schaffenskraft dafür einsetzte, die von den Nationalsozialisten und durch den Krieg sowohl innerhalb der Stadt Gevelsberg als auch in unserem Bau- und Sparverein hinterlassenen Spuren so schnell wie möglich wieder zu beseitigen. In der Kommunalpolitik zählte der SPD-Fraktionsvorsitzende, der schon vor 1933 der Stadtverordnetenversammlung angehört hatte, zu den Männern der ersten Stunde.

Obwohl alles versucht wurde, einen Neuaufbau einzuleiten, konnten die Organe unserer Genossenschaft ihr Augenmerk zunächst lediglich auf die Beseitigung von Kriegsschäden richten. Aber auch da waren infolge der allgemeinen Entwicklung immer größere Schwierigkeiten zu überwinden. Materialien waren kaum zu bekommen, das Geld hatte keinen Wert. Wurden 1945 noch 20.000 RM und 1946 rund 10.000 RM aufgewandt, so konnten 1947 nur noch für 77,40 RM Reparaturen ausgeführt werden. Ausdrücklich dankten Vorstand und Aufsichtsrat den Mitgliedern, dass sie sich selbst um die Beseitigung der Kriegsschäden bemühten.

Bei der Stadt Gevelsberg, wie überhaupt in der britischen Besatzungszone, wurde das "duale" System eingeführt: Der Bürgermeister als Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung und Repräsentant übte sein Amt nun ehrenamtlich aus. An der Spitze der Stadtverwaltung stand ein Stadtdirektor. Erich Blumenroth war ab 1946 der erste.

Währungsreform am 20. Juni 1948

Wie schon nach dem 1. Weltkrieg, steuerte die wirtschaftliche Lage auch diesmal auf ein schier auswegloses Chaos zu. Diesem unerträglichen Zustand wurde mit der Währungsreform am 20. Juni 1948, verbunden mit der Einführung der Deutschen Mark (DM), ein Ende gesetzt. Die fleißigen Sparer, so auch unsere Genossenschaftsmitglieder, erlebten eine weitere und bittere Enttäuschung, zumal Geld- und Sachwerte unterschiedlich behandelt wurden und eben nicht alle mit einem "Kopfgeld" von 40 DM den angestrebten Neuaufbau einleiteten. Aber es ging doch langsam bergauf. Die "soziale Marktwirtschaft" und der Fortfall der bisherigen "Zwangswirtschaft" brachten das Geld wieder ins Rollen. 10 RM hatten jetzt einen Wert von lediglich 1 DM.

1948 war mit Abschluss 20. Juni das letzte Geschäftsjahr in RM-Wertung. Um die Umstellung zu bewerkstelligen, gab es für unsere Verwaltungsorgane viel Arbeit. Interessant in diesem Zusammenhang ein Schreiben des Stadtdirektors an den Bau- und Sparverein vom 1. Juli 1948: "Mit Datum 1 7. Juni 1948 erhielten Sie über ausgeführte Kanalarbeiten im Hause Waldstraße 34 eine Rechnung in Höhe von 16,61 RM. Infolge der inzwischen durchgeführten Währungsreform ist eine Bezahlung in Reichsmark nicht mehr möglich, deshalb bitte ich, 1/10 des Rechnungsbetrages = 1,66 DM an die Stadtkasse einzuzahlen ".

Zum 20. Juni 1948 stellte der Vorstand eine RM-Schlussbilanz auf. Aktiva unter anderem: Unbebaute Grundstücke 50.694,75 RM, Wohngebäude 357.503,21 RM. Aktiva und Passiva schlossen mit 507.083,26 RM, die Gewinn- und Verlustrechnung mit 31.433,06 RM ab. Das Geschäftsguthaben der 359 Mitglieder belief sich auf 115.042,55 RM. Der Gewinn in Höhe von 17.779,49 RM wurde der gesetzlichen Rücklage zugeführt.

Laut DM-Eröffnungsbilanz (21. Juni 1948) verfügte die Genossenschaft über 47 Miethäuser mit 147 Wohnungen und 7536 qm Wohnfläche sowie ein Erwerbshaus (eine Wohnung) und drei Autogaragen. 12 Erwerbshäuser waren 1947 veräußert worden. Unbebaut waren Grundstücke an der Astern- und Fliederstraße, Garten-, Jahn-/Berger Straße sowie Auf dem Wegerfelde (Hagener Straße, am Ufer) - insgesamt 46.945 qm.

Der Vorstand setzte sich wie folgt zusammen: Vorsitzender Paul Hetzler, Stellvertreter das bisherige Aufsichtsratsmitglied Gustav Wülfrath (für den ausgeschiedenen August Schönlau), Geschäftsführer Claus Hoppe (noch in Kriegsgefangenschaft). Die Geschäftsstelle befand sich weiterhin in dessen Wohnung, Rosendahler Straße 63.

Dem Aufsichtsrat gehörten an: Vorsitzender Hermann Hußmann, Schriftführer Rudolf Schöler, Konrad Brandt, Fritz Rutenbeck, Ernst Borchers, Heinrich Oberhaus.

Festversammlung zum Goldjubiläum

Nach der Währungsreform herrschte zwar noch nicht wieder eitel Sonnenschein, aber es lohnte sich, neu zu planen und nach den entbehrungsreichen Jahren auch 'mal wieder zu feiern. Anlässlich des 50jährigen Jubiläums unserer Genossenschaft fand am 15. Oktober 1948 eine Festversammlung statt. Viel ist darüber nicht vermerkt, und auch die Gevelsberger Zeitung, die ihr Erscheinen 1945 einstellen musste, konnte nicht darüber berichten. Jedoch wurde von einem Mitglied ein kleines Festheft angefertigt und der "sehr verehrten Frau Hoppe" (die für ihren Ehemann die Geschäfte der Genossenschaft führte) gewidmet. In Reimen heißt es darin unter anderem: Schon als das neue Jahr begonnen, wurde darüber nachgesonnen, dass nun 50 Jahre sind vergangen, seit man mit dem B.S.V hat angefangen. Trotz des Geldes Wertlosigkeit erwog man eine Festlichkeit.

Die Gestaltung und das Planen wurde Herrn Hußmann übertragen, der bei solchem Jubelfest sich auch nicht lumpen läßt. Programmgestaltung - das ist sein Fall. Dafür kennt man ihn auch überall. Die Reime sind mit mehreren lustigen Zeichnungen illustriert. So stehen der Geschäftsführer und seine Frau vor einem Grab: "Hier ruht die Kasse": Von der Kasse praller Fülle wurde eine leere Hülle. In Ehren hat man sie begraben, ihre Stunde hatte halt geschlagen. . .

Es muss ein schönes Fest gewesen sein, denn der Poet stellt am Ende fest: Mit einem wohlwollenden Bankett wurde das Fest sehr nett. Stimmungsvoll und sehr verbunden hatte sich die Genossenschaft zusammengefunden. Auch Überraschungen waren gut gelungen, der Schnellmarkchor hat auch gesungen...

Für das Jubiläum wurden lediglich 1000 DM aufgewendet. Eine geplante Festschrift sollte späteren Zeiten vorbehalten werden.

1949 wieder erste Neubaumaßnahme

Überall in Deutschland setzte ein Aufschwung ein, der sich auch in unserem Bau- und Sparverein bemerkbar machte. Große Sprünge konnte man sich infolge knappen Geldes freilich noch nicht leisten. Die erste ordentliche Generalversammlung in der neuen DM-Zeit fand am 20. März 1949 statt. Die DM-Eröffnungsbilanz, so erfuhren die Mitglieder, schloss auf beiden Seiten mit 281.838,85 DM ab.

Für die Aufnahme von Anleihen im Jahr 1949 wurde die Höchstgrenze auf 200.000,- DM festgesetzt. Die Hypothekenschulden betrugen noch ein Zehntel des RM-Schlussbetrages = 30.403,74 DM. Die Generalversammlung beschloss, die Geschäftsguthaben auf 100 Prozent des Reichsmarkbetrages = 115.042,55 DM festzusetzen. Geschäftsanteil 300,- DM. Erstmalig befassten sich Vorstand und Aufsichtsrat der Genossenschaft wieder mit der Planung von Neubaumaßnahmen. Man war bestrebt, trotz der wirtschaftlich keineswegs rosigen Lage einen Beitrag zur Linderung der großen Wohnungsnot zu leisten.

Nach relativ kurzer Planungszeit wurden am 29.Juni 1949 die Aufträge für die erste Baumaßnahme nach dem 2. Weltkrieg vergeben. Die Grundsteinlegung für das Doppelhaus Berger Straße 1 und 1 a (Ecke Jahnstraße, heute Gartenstraße 27/29) mit 18 Wohnungseinheiten erfolgte am 16.Juli 1949. Die ersten Hammerschläge taten der Vorsitzende unseres Aufsichtsrates, Rektor Hermann Hußmann, und Bürgermeister Gustav Trost. Zwei in den Grundstein eingemauerte Urkunden - der Stadt Gevelsberg und unserer Genossenschaft - sollen späteren Generationen Zeugnis von der damaligen schweren Zeit ablegen. Auf der Urkunde des Bau- und Sparvereins ist angeführt: "Das Haus wird unter schwierigen Verhältnissen gebaut. Ein fürchterlicher Krieg liegt hinter uns. Durch Fliegerbomben und Kampfhandlungen liegen viele Städte in Trümmern. Die Wohnungsnot und das Elend sind unbeschreiblich groß. .. Dieser in Angriff genommene Bau und die weiteren umfangreichen Projekte sollen helfen, die sozialen Probleme unserer Zeit zu lösen... Wir wünschen den Bewohnern dieses Hauses ein Leben frei von Krieg, Krankheit und Not, frei von Sorgen um das tägliche Brot, ein glückliches Leben in Gemeinschaft und Gerechtigkeit". Die beiden Häuser mit 18 Wohnungen konnten schon im Februar 1950 bezogen werden.

Bautätigkeit wie noch nie aktiviert Mit dem Startschuss an der Berger-/Jahnstraße wurde die Bautätigkeit infolge der ständig steigenden Wohnungsnot in einem Ausmaß aktiviert, wie es in der bisher 50jährigen Geschichte unserer Genossenschaft noch nie der Fall gewesen war. Ein Bauvorhaben folgte dem anderen.

Ebenfalls 1949 erfolgte die Wiederaufnahme der Arbeiten für das bereits vor dem Krieg geplante Projekt an der Gartenstraße. Dort handelte es sich um 36 Wohnungen, die im Juni/Juli 1950 bezugsfertig waren. Architekt Alfred Krenzer entwarf dann die Pläne für vier Häuser mit 22 Wohnungen im Hedtmannschen Park, an der Schultenstraße. An der Breddestraße wurde das durch Bomben völlig zerstörte Haus Nr. 78 wieder aufgebaut. An der Bredderbruch- und Schnellmarkstraße entstanden je zehn und an der Friedhofstraße vier Zweifamilienhäuser.

Auf architektonischen Schmuck wurde kein Wert gelegt, denn es ging schlicht und einfach darum, mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln so viele Wohnungen wie möglich zu schaffen. Badezimmer, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Immerhin gehörten zur Ausstattung schon Baderaume. In der Küche stand ein Herd, im Wohnraum ein Ofen. Geheizt wurde mit Kohlen oder Briketts.

(aus Festschrift: 100 Jahre Bauverein Gevelsberg eG, 1898-1998)

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