1919-1929
In der Folge des Ersten Weltkrieges herrschte wie in vielen Orten auch in Solingen eine drückende Wohnungsnot. Im Mai 1918 standen lediglich 0,8% der Wohnungen leer! Als normal sahen die Fachleute 3% an. Kaum eine andere deutsche Mittel- und Großstadt litt noch stärker unter Wohnungsmangel. Während des Krieges waren praktisch keine Wohnungen gebaut worden. Mindestens diese Lücke musste jetzt geschlossen werden. Die Wohnungsnot entstand nicht etwa, weil die Bevölkerungszahl der Stadt angestiegen wäre; aber junge Familien suchten Wohnungen, und die heimkehrenden Soldaten wollten nicht mehr in ihr Elternhaus zurückkehren, sondern eine eigene Familie gründen. Die Zahl der Hausstände in Solingen nahm daher in den zehn Jahren seit 1914 schätzungsweise um 2822 zu, danach bis 1927 nochmals um rund 2200.
Neben den 1950er Jahren wurden die 1920er Jahre für den Spar- und Bauverein das Jahrzehnt, in dem mit über 2.000 Wohnungen die meisten Neubauwohnungen entstanden. Zudem wurde die städtische Wohnungsbaugesellschaft übernommen und die Genossenschaft zum Kooperationspartner in Sachen Wohnungsbau. Es entstanden in einer Zeit knapper öffentlicher Mittel, selbst zur Inflationszeit, Wohnsiedlungen, die sich an den Gartenstadtgedanken orientierten: meist zweieinhalb-geschossige Doppelhäuser, eingegliedert in Grünanlagen mit Hausgärten. In den beiden größten und städtebaulich bedeutendsten Siedlungsanlagen wurden zudem Gemeinschaftseinrichtungen mit eingeplant: Genossenschaftshaus, Waschhaus, Kindergarten und Laden der Konsumgenossenschaft.
Die Siedlung Weegerhof
Das Gelände der späteren Siedlung Weegerhof von etwa 30 Morgen hat der Spar- und Bauverein 1926 von der Familie Pfeiffer zu einem Preis von 99.000 Mark erworben. Das Areal war dem Spar- und Bauverein schon vor dem Ersten Weltkrieg angeboten worden, seinerzeit jedoch zu einem erhöhten Preis, so dass vom Kauf Abstand genommen wurde.
Hier sollten nach Plänen von Franz Perlewitz 140 Häuser mit 430 Wohnungen entstehen, und zwar 140 Zweizimmerwohnungen zu 39 qm Wohnfläche, 145 Dreizimmerwohnungen zu 59 qm, 105 Vierzimmerwohnungen zu 75 qm und 40 Fünfzimmerwohnungen zu 90 qm Wohnfläche. Zusätzlich sollten einige Gemeinschaftseinrichtungen entstehen: eine Dampfwäscherei, verschiedene Läden, ein Genossenschaftshaus und ein Kindergarten. Erstmals sollten im Weegerhof auch Dreizimmerwohnungen mit Badeeinrichtung ausgestattet werden. Hinzu kamen für jede Wohnung Wand- und Kühlschrank sowie Spülnische.
So wurden die Jahre 1927 und 1928 mit 149 Häusern und 450 Wohnungen (bis Mai 1928) die bisher intensivsten Baujahre des Spar- und Bauvereins. Gemessen an den Einwohnerzahlen, erreichte in dieser Zeit keine deutsche Gemeinde das Bauvolumen des Spar- und Bauvereins. Aber nicht nur das Volumen, auch die Anforderungen an die Bauqualität stiegen: Einschließlich der Nutzungsgebühr für die Dampfwäscherei betrug die Miete für eine Zweizimmerwohnung zwischen 26 und 30 Mark, für eine Dreizimmerwohnung zwischen 36 und 41 Mark und für eine Vierzimmerwohnung zwischen 50 und 57 Mark.
In den Bau der zentralen Dampfwäscherei flossen die Erfahrungen aus der Mitte der 1920er Jahre gebauten Siedlung Kannenhof ein, so dass das Gebäude nicht mehr zweistöckig gebaut wurde, sondern alle technischen Einrichtungen im Erdgeschoss aufgestellt wurden: zwölf Waschmaschinen mit Einzelantrieb (im Kannenhof war Sammelantrieb installiert worden), acht Schleudern, 31 Trockenkammern und zwei Dampfmangeln. Ganz neu - und nach den "Reibereien" am Kannenhof von den Frauen sicherlich begrüßt - waren die 24 verschließbaren Waschkabinen, die das Waschen den Blicken der Öffentlichkeit entzogen und etwas mehr Privatsphäre erzeugten.
Ein Gebäude der Siedlung war vorgesehen für verschiedene Kolonial-, Fleischerei- und Bäckereigeschäfte der Konsumgenossenschaft, um den Bewohnern den täglichen Einkauf im direkten Wohnumfeld zu ermöglichen. Das Genossenschaftsheim enthielt Tagesraum, Versammlungsraum, Lesezimmer und Kegelbahn. Mit dem Bau des Kindergartens und der Planschbeckenanlage fand die Siedlung 1930 ihren vorläufigen Abschluss.
(aus Festschrift: 100 Jahre Spar- und Bauverein Solingen eG, 1897-1997)
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