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1919-1929

„Wir bauen die neue Welt“, das war die Hoffnung auch der Bielefelder Arbeiter nach dem 9. November 1918. Und die Freie Scholle war vorbereitet. Baupläne waren ausgearbeitet und die Genossenschaft durch zahlreiche Beitritte neuer Mitglieder gestärkt. Die schwierigen, instabilen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, besonders die beginnende Inflation, blockierten viele Pläne und zerstörten Hoffnungen. Dennoch, die Freie Scholle baute, schaffte Wohnungen auch in den Notjahren 1919/21 und nahm in den stabileren Jahren 1924 bis 1929 einen beispielhaften Aufschwung. Selbst in der Wirtschaftskrise bewies sie Standvermögen und baute bis 1932 fast 1.000 Wohnungen.


Der Märchenbrunnen in der bedeutendsten Siedlung "Heeper Fichten" der Freien Scholle aus den 1920er Jahren

Nach der Novemberrevolution war es keine Frage, dass die Wohnungsversorgung eine sofort anzufassende staatliche und kommunale Aufgabe war. Das Reich und der preußische Staat stellten ab 1919 Baukostenzuschüsse und später Darlehen bereit, damit trotz der hohen Kosten gebaut werden konnte. Private Bauherren hielten sich wegen der Unsicherheit der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse sehr zurück. Es waren die gemeinnützigen Baugenossenschaften, die schon bestehenden und die überall neu gegründeten, und die Kommunen selbst, die in diesen schwierigen Jahren bis 1923 den Wohnungsneubau angingen.

Die große Nachkriegswohnungsnot war bereits in den letzten Kriegsjahren vorauszusehen, und die Freie Scholle hatte sich vorbereitet, an der Lösung dieses Problems mitzuwirken. Sie hatte unermüdlich in der Arbeiterschaft, aber „auch in der gut verdienenden Geschäftswelt", wie Heinrich Forke schreibt, um Mitglieder geworben. „Die Genossenschaft hatte dadurch eine Stärkung erfahren, die es ihr ermöglichen sollte, sofort nach Kriegsschluss den Zurückkehrenden Arbeit und Wohnungen zu verschaffen. Die Zahl der Mitglieder stieg auf 625 und die der Geschäftsguthaben in einem Jahr (1918) von 38.800 Mark auf 87.700 Mark. Das war ein wider Erwarten guter Aufstieg."

Baupläne für 14 Häuser mit 84 Wohnungen Am Niedermühlenhof konnte die Freie Scholle sofort bei den städtischen Behörden einreichen. Aber der Baubeginn verzögerte sich bis August 1919. Materialmangel und Wucherpreise hatten die Vorbereitungen immer wieder ins Stocken gebracht und die Finanzierung in Frage gestellt. Die Freie Scholle baute schließlich im Vertrauen auf ihre eigene Kraft und der Zusicherung von staatlichen und kommunalen „Überteuerungszuschüssen", die 1919 als verlorene Baukostenzuschüsse vergeben wurden. Auf 978.000 Mark waren die Baukosten anfangs kalkuliert. Bei der Endabrechnung beliefen sie sich auf mehr als das Zweieinhalbfache, obwohl auf die Herrichtung der Hofanlage vorerst verzichtet wurde. Die Währungskrise warf ihre Schatten voraus.

„Infolge der nun einsetzenden Inflation, die in ihrem Wesen und in ihren Wirkungen damals noch nicht erkannt war", schreibt Heinrich Forke 1931, „kam die Bautätigkeit fast völlig zum Erliegen. Es gehörte Optimismus und ein starker Wille dazu, neue Projekte aufzunehmen. Unsere Genossenschaft hat auch in dieser Zeit ihre Kräfte mit Erfolg eingesetzt. In schwerster Zeit hat sie belebend auf den Arbeits- und Baumarkt eingewirkt und 2 Einfamilienhaus-Siedlungen geschaffen, mit der Wirkung, dass nicht nur die Kräfte der Genossenschaft wuchsen, sondern auch andere Kreise ihren Pessimismus überwanden und weiter bauten.“

Am Grünen Winkel entstand 1921 die erste Eigenheimsiedlung der Freien Scholle mit 58 Wohnungen. Die Stadt war bereit, das 3,6 Hektar große Gelände für einen günstigen Erbbauzins der Freien Scholle zu überlassen. Sie gewährte auch ein Baudarlehen und übernahm die Bürgschaft für die Sparkassenhypothek. Etwa 80 Prozent der Baukosten wurden somit abgesichert. Das Abweichen vom bisherigen Grundsatz, nur Mehrfamilienhäuser zu bauen, entsprach den Wünschen einer Reihe von Mitgliedern, aber auch der Notsituation der Inflationszeit. Die Kleinhäuser ermöglichten die Selbsthilfe der Mitglieder beim Bauen. So konnte Eigenkapital durch eigene Arbeit ersetzt werden. Die Landzugabe von 600 qm war ein Beitrag zur Selbstversorgung der Siedler. Da rechtzeitig Baumaterialien eingekauft wurden, hielten sich die Preissteigerungen noch in Grenzen.

Am Oldentrupper Weg errichtete die Freie Scholle noch einmal 17 Doppelhäuser mit städtischen Darlehen und Bürgschaften. Unter Einsatz der eigenen Arbeitskraft, der „Muskelhypothek“, konnten die Siedler bis zum Sommer 1922 ihre Wohnungen beziehen. Heinrich Forke schreibt 1931: „Bei Beginn der Arbeiten betrug der Lohn eines Maurers 6 Mark in der Stunde, bei den letzten Arbeiten im September 1922 dagegen 48 Mark. Das Fensterglas für sämtliche 92 Häuser war von uns für 6.300 Mark eingekauft, für die übrig gebliebenen Scherben erhielten wir 100.000 Mark. Das sind Inflationsblüten, die uns heute schon wieder unglaublich erscheinen. Die Geschäftsanteile wurden ständig erhöht und später wurde durch Generalversammlungsbeschluss festgelegt, dass jedes Mitglied die Höchstzahl der Geschäftsanteile, also 50, zu übernehmen hatte. Die Einzahlungen erfolgten pünktlich, aber ihr Wert war gleich Null, weil die Währung in einem immer rasenderen Tempo verfiel. An eine weitere Bautätigkeit war zunächst nicht zu denken.“

Der erste Eigenheimbau hat die Freie Scholle finanziell stark belastet, zumal die Siedler angesichts der weiteren Geldentwertung sehr bald bestrebt waren, ihre Schulden, die sie gegenüber der Genossenschaft hatten, praktisch mit wertlosem Papiergeld abzutragen. Die Einführung der Rentenmark im November 1923 setzte der rasenden Inflation ein Ende. Die feste Währung ermöglichte in den Jahren 1924 bis 1928 einen allmählichen Aufschwung der Wirtschaft. Die Freie Scholle konnte nach der Inflation die Geschäftsanteile auf 25 Prozent aufwerten. Eine höhere Aufwertung, die 1925 möglich gewesen wäre, ließ das Aufwertungsgesetz nicht zu.

Der Eigenheimbau der Inflationsjahre blieb für die Freie Scholle der zwanziger Jahre ein Zwischenspiel; nach der Währungsreform kehrte die Genossenschaft zum Mehrfamilienhausbau und dem gemeinschaftlichen Eigentum zurück. Das war damals auch der einzige Weg, wirtschaftlich effektiv der immer noch größer werdenden Wohnungsnot zu begegnen. Trotz der Anstrengungen der Stadt und der gemeinnützigen Genossenschaften hinkte die Bautätigkeit dem Bedarf an Kleinwohnungen nach. Die- Stadt hatte zwischen 1919 und 1923 etwa 800 Wohnungen gebaut, die Baugenossenschaften noch einma1310, während private Bauherren mit öffentlichen Mitteln nur 96 Kleinwohnungen erstellten. Die zahlreichen Eheschließungen nach dem Krieg, die Zuwanderung nach Bielefeld und der natürliche Bevölkerungszuwachs vergrößerten den schon bestehenden Wohnungsmangel.

Dieser Not konnte nur ein Ende gesetzt werden, wenn die Baukosten gesenkt, die Bodenbeschaffung und Finanzierung erleichtert und gemeinwirtschaftliche Organisationen den Bau in die Hand nehmen würden. Um die hohen Baupreise der privaten Bauunternehmer zu brechen, hatten die Freien Gewerkschaften und die Freie Scholle bereits 1921 die Bauhütte Teutoburg gegründet. Die Stadt lehnte auf Anraten der Handelskammer, der ein sozialer Baubetrieb ein Dorn im Auge war, eine Beteiligung ab.

Bei der Erprobung und Nutzung fortschrittlicher Baumethoden leisteten die Bauhütten Pionierarbeit. Die Bauhütte Teutoburg beschäftigte 1929 im Schnitt 282 Handwerker und Bauarbeiter. Sie zählte zu den produktivsten Bauunternehmen Bielefelds. Die Bauhütten stießen deshalb auf den massiven Widerstand der privaten Bauunternehmerschaft. Die „Volkswacht“ schrieb 1932 zur Entstehungsphase der Bauhütte Teutoburg: „Man versuchte durch Schmutzkonkurrenz, üble Nachrede und wiederholte Materialsperren die Bauhütte lahm zu legen und betrieb die Aberkennung der Gemeinnützigkeit seitens der Behörden.“ Die Bauhütte Teutoburg setzte sich trotzdem durch und konnte eine erstaunliche Erfolgsbilanz aufweisen. Sie errichtete bis 1933 für die Freie Scholle, den Spar- und Bauverein Brackwede, den Bielefelder-Konsum-Verein und die Stadt fast 1000 Wohnungen. Außerdem war sie u.a. am Bau der Allgemeinen Ortskrankenkasse, der Oetkerhalle, der gewerkschaftlichen Bildungszentrale Brackwede, beim Haus der Technik und zahlreichen Bauten des Konsum-Vereins beteiligt.

Ebenso wichtig wie die Rationalisierung des Bauens war die Verbesserung der Finanzierungsbedingungen des Wohnungsbaus. Die Hypothekenzinsen lagen nach der Währungsreform weit über zehn Prozent. Mit Mieten, die sich an den Einkommen der Arbeiterschaft orientierten, waren die Finanzierungskosten von Neubauten nicht zu decken. Staatliche und kommunale Hilfe war notwendig, wenn überhaupt gebaut werden sollte. Die Staatskassen waren nach der Währungsumstellung leer. Viele Hausbesitzer hatten dagegen in der Inflationszeit ihre Hypotheken mit Papiergeld zurückzahlen können und besaßen jetzt in der Regel schuldenfreie Häuser. Mit der 1924 eingeführten Hauszinssteuer versuchte die Reichsregierung, die Althausbesitzer zur Finanzierung des Neubaus heranzuziehen. Sie wurde von den Ländern als Zuschlag zur Grundvermögenssteuer erhoben. Die Städte bekamen einen Teil des Steueraufkommens für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Ohne die Hauszinssteuer wären die großen Wohnungsbauleistungen der gemeinnützigen Genossenschaften zwischen 1924 und 1930 nicht möglich gewesen. Ihr Nachteil aber war, dass die Länder den Wohnungsbauanteil von Jahr zu Jahr neu festlegten. Die Städte konnten daher ihre Wohnungsbauprogramme nicht längerfristig planen. Dies wirkte sich besonders in der Weltwirtschaftskrise aus, als der Staat die Wohnungsbauförderung stark verringerte.

Die Bielefelder Sparkasse vergab unter Bürgschaft der Stadt erststellige Hypotheken zu einem ermäßigten Zinssatz. Die Stadt bewilligte darüber hinaus sogenannte Hauszinssteuerhypotheken mit einprozentigem Zinssatz. Bei der Vergabe der Gelder bevorzugte die Stadt Bauherren, die für kinderreiche oder besonders bedürftige Wohnungssuchende bauten. Genossenschaften wurden bevorzugt gefördert, da sie eine sorgfältige und zweckmäßige Verwendung der Gelder gewährleisteten. Es entwickelte sich eine engere Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der Freien Scholle. Die Stadt stellte günstig Bauland sowohl in den Heeper Fichten als auch Im Siekerfelde bereit. Auch bei der städtebaulichen Planung der Siedlung Heeper Fichten wurde eng kooperiert.

Die Freie Scholle fand darüber hinaus weitere Unterstützung von den Gewerkschaften, dem Konsumverein und Bielefelder Krankenkassen, da sie sich den Prinzipien der Gemeinnützigkeit und der Gemeinwirtschaft verpflichtet fühlten. Die genossenschaftlich-gewerkschaftliche Volksfürsorge in Hamburg, die Hannoversche Bodenkreditbank - ein Tochterunternehmen der 1924 gegründeten Arbeiterbank, der Bielefelder-Konsum-Verein und die Krankenkassen stellten 1931 immerhin über zwanzig Prozent der erststelligen Hypotheken. Die freien Gewerkschaften riefen ihre Mitglieder zu Spenden für die Bauvorhaben der Freien Scholle auf. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund setzte, wie die „Westfälische Zeitung“ im August 1924 berichtete, Baufondsmarken von 20-100 Pfennig in Umlauf und gab der Freien Scholle die Zusicherung, ihr Baukapital bis zu 150.000 Reichsmark zu ganz niedrigem Zinsfuß zur Verfügung zu stellen. Die Unterstützung seitens der Gewerkschaften ergab sich aus der Wirtschaftsreformdiskussion der zwanziger Jahre. Angesichts der politischen Kräfteverhältnisse setzten viele gewerkschaftliche Wirtschaftsreformer auf den Aufbau von Unternehmen der Arbeiterschaft, um so soziale und wirtschaftliche Verbesserungen zu erzielen und die Überlegenheit einer Gemeinwirtschaft unter Beweis zu stellen. Die Freie Scholle ist ein Beispiel für diese Wirtschaftsstrategie: Die Bauhütte, die Arbeiterbank, die Volksfürsorge, der Konsumverein, die Gewerkschaften und die Freie Scholle bildeten beim Bau der Reformsiedlungen gleichsam einen gemeinwirtschaftlichen Verbund. Alle Gelder waren in diesem Verbund unter gemeinwirtschaftlicher und gemeinnütziger Zielsetzung zweckgebunden.

1930 trat die Freie Scholle der Dewog-Revisionsvereinigung als außerordentliches Mitglied bei. Seit 1924 hatten die freien Gewerkschaften die Dewog als Dachverband der gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen aufgebaut. Dem Dewog-Prüfungsverband gehörten mehr als 200 „linke“ Baugenossenschaften an. Der Beitritt der Freien Scholle war Ausdruck der Verbundenheit mit den gemeinwirtschaftlichen Zielen der freien Gewerkschaften. Gottlob Binder schreibt 1931: „Der genossenschaftliche Wohnungsbau würde seine Berechtigung verlieren, wenn er von seinen Ideen mäßigen Grundlagen, der organisierten Selbsthilfe auf dem Boden der Gemeinwirtschaft, abweichen würde.“

Der Beitrag der Mitglieder der Freien Scholle an der Finanzierung muss hier besonders betont werden. Der Geschäftsanteil, der nach der Währungsreform auf 200 Reichsmark festgelegt wurde, war bei den damaligen niedrigen Löhnen schwer aufzubringen. Die Mitglieder legten außerdem Erspartes bei der 1928 eingerichteten Sparkasse der Freien Scholle an. Sie erhielten hier etwas höhere Zinsen auf ihre Guthaben als bei anderen Kassen und trugen gleichzeitig zur Finanzierung neuer Wohnungen bei. Die genossenschaftseigene Sparkasse „erfreute sich großer Beliebtheit“, berichtet Rosa Becker 1951 in ihren Erinnerungen an ihre Tätigkeit bei der Freien Scholle. „Leider kam dann die große Arbeitslosigkeit, dadurch konnte sich die Sparkasse nicht wie erwartet entfalten.“ Ende der dreißiger Jahre wurde sie aufgelöst, da die Mitglieder die Kasse nach der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Genossenschaft boykottierten.

In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs zwischen 1924 und 1929 konnte die Freie Scholle ihre großen Reformsiedlungen bauen. Im Siekerfeide entstanden 1927/28 101 Wohnungen erstmals mit Bädern und zum Teil sogar mit Etagenheizungen. Die Gebäude dieser Siedlung gehören heute zu den architektonischen Schmuckstücken der Stadt Bielefeld.

Die Siedlung Heeper Fichten, in zwei Bauabschnitten 1925/26 und 1928/29 errichtet, ist mit ihren 516 Wohnungen das konsequenteste Beispiel für die genossenschaftliche Wohnreform der zwanziger Jahre in Bielefeld. Die sozialen und kulturellen Einrichtungen dieser Siedlung setzten Maßstäbe.

(aus Festschrift: 75 Jahre Freie Scholle eG Bielefeld, 1911-1986)
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