1919-1929
Chaos nach dem 1. Weltkrieg
Die Geldentwertung nahm ständig zu, die Zahlen erreichten astronomische Größenordnungen. Man rechnete in Billionen (dreizehnstellige Zahl: 1.000.000.000.000) und ließ die letzten neun Stellen einfach fort, weil sie nur noch einen "Wert" von hundertstel Pfennigen hatten. Für das Geschäftsjahr 1918 konnte den Mitgliedern keine Dividende ausgezahlt werden, es schloss mit einem Verlust in Höhe von 1711,71 Mk. ab. Die Deckung erfolgte aus dem Reservefonds. Der Aufwand für Reparaturen wurde um die Hälfte gekürzt. Um der allgemeinen Kalamität entgegenzuwirken, beschlossen Aufsichtsrat und Vorstand mit Wirkung 1. April 1920 eine Mieterhöhung um 58 bzw. 60 Mark pro Wohnung. 75 der 78 Mieter erklärten sich in Anbetracht der Sachlage damit einverstanden. Unterstützung fand die Genossenschaft bei der "kapitalträchtigen Einwohnerschaft Gevelsbergs", denn es gingen 22.250,- Mk. an Spenden ein. Zudem stieg durch Neuaufnahmen die Zahl der Mitglieder, während andere ihre Anteile nicht unwesentlich erhöhten. Unter dem Strich bedeuteten das neue Anteile in Höhe von 15.064,81 Mk. Um die notwendigsten äußeren Reparaturen an den Häusern durchführen zu können, wurde ein Erneuerungsfonds geschaffen.
Ad. Köllmann schied 1919 aus dem Vorstand aus, für ihn wurde Paul Huth von der Firma Huth 'sche Eisen- und Stahlwerke (vormals H. Bovermann) gewählt. Die Bautätigkeit ruhte weiterhin. Zwar war beabsichtigt, zwei Häuser mit 32 Zimmern zu bauen, jedoch zerschlugen sich wegen ständig steigender Baupreise die mit der Stadtverwaltung geführten Verhandlungen. Ärger bereiteten die Häuser an der Teichstraße: "Die Kolonie bietet ein Bild, wie es nicht sein soll". Zum Teil sei der Zustand dadurch herbeigeführt worden, dass der vor dem Krieg in Aussicht genommene Ausbau der Teichstraße nicht ausgeführt worden sei, begründeten Aufsichtsrat und Vorstand die Situation. Aber auch die Bewohner selbst mussten sich "wegen des Heraushängens von rohen Fellen und allen möglichen und unmöglichen Wirtschaftsgeräten in den sogenannten Loggien" Kritik gefallen lassen: "Ein unerträglicher Anblick". Die offenen Balkone wurden dann geschlossen. Nicht zuletzt auf Wunsch der Mieter, die sie wenig benutzten und im Winter zunehmende Kälte in ihren Wohnungen beklagten.
Geschäftsanteile auf 3000,- Mk. erhöht
1920 fand die Generalversammlung beim Gastwirt G. Schäfer im "Gasthof zur Post" statt. Da er nicht mehr im Amt war und Gevelsberg verließ, schied Bürgermeister Leinberger aus dem Aufsichtsrat aus. Nachfolger war Franz Brandstätter. Vorsitzender des Vorstandes war jetzt Reinh. Drevermann. 1921 mussten die Mieten erneut erhöht werden. Eine Vierzimmer-Wohnung kostete 450,- Mk., hinzu kamen ca. 120.- Mk. an Zuschlägen.
Im Geschäftsbericht für das Jahr 1921 ist vermerkt: An Neubauten ist wegen der hohen Kosten weiterhin nicht zu denken. Zitat: "Für eine Vierzimmer-Wohnung wären 240.000,- Mk. und eine Miete von 4800,- Mk. aufzubringen... Sollte nicht eine andere Aufrechnung als diese denkbar günstige gemacht werden, dürfte es in Gevelsberg bald eine Katastrophe geben". Preiserhöhungen in allen Bereichen blieben auch für den Bau- und Sparverein nicht ohne Auswirkungen. Unter anderem stiegen die öffentlichen Abgaben wie die Grund- und Gebäudesteuern sowie die Wohnungsbauabgabe, dann das Wassergeld, die Schornsteinfegergebühren usw.
Im Geschäftsjahr 1923 schloss die Bilanz mit 422.904,80 Mk. ab. Als Gewinn wurden 5767,32 Mk. verzeichnet, die Dividende auf 3 Prozent festgesetzt. Bei der am 5. Mal 1923 stattgefundenen Generalversammlungschlugen Aufsichtsrat und Vorstand eine Erhöhung der Geschäftsanteile (150,- Mk.) auf 1000,-Mk.vor. Wegen Beschlussunfähigkeit - von 164 Genossen waren nur 21 erschienen – musste eine weitere Generalversammlung einberufen werden. Diese fand am 23. Mai statt. Einstimmig wurde auf Antrag des Vorstandsmitgliedes Paul Huth infolge weiter zunehmender Geldentwertung sogar beschlossen, die Geschäftsanteile auf 3000,- Mk. und die Mietzahlung auf monatlich 250,- Mk. festzusetzen. Für die Gärten und Wiesen waren pro Sechzig jährlich 500,- Mk. zu entrichten. Entsprechend erfolgte eine Änderung der Satzung. § 1 lautete: Die Genossenschaft führt die Firma Bau- und Sparverein Gevelsberg, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung. Der Sitz der Genossenschaft ist Gevelsberg.
Geldaufwertung: Gold- und Reichsmark
In der Generalversammlung am 8. November 1924 legte der Vorstand eine "Goldmarkeröffnungs-Bilanz" mit zugehörigem Aufwertungsplan vor. Dazu heißt es im Geschäftsbericht: "Das abgelaufene Geschäftsjahr (1923) stand im Zeichen einer katastrophalen Geldentwertung, die es zuwege brachte, dass die Generalversammlung nur mit wesentlicher Verspätung einberufen werden konnte. Namentlich aber deshalb, weil die Goldmarkbilanz erst aufgrund der Verordnung über die allgemeine Aufwertung aufgestellt werden konnte".
Nach der 1924 erfolgten Geldaufwertung rechnete man jetzt zunächst in Goldmark. Laut Brockhaus-Lexikon entsprach die Goldmark in ihrem Wert der Vorkriegsmark. Aufgrund der Umstellung wurde der Geschäftsanteil eines jeden Genossen auf 150 Goldmark festgesetzt. Bis zur Vollzahlung musste er monatlich mindestens 5 Goldmark entrichten. Ein Genosse durfte nicht mehr als 20 Geschäftsanteile erwerben. Noch im gleichen Jahr wurde die Reichsmark (RM) eingeführt.
Größere Stabilität erlangte die allgemeine Situation dennoch nicht. Aufsichtsrat und Vorstand lehnten Neubauten in dieser Zeit ab, um "unsere alte solide Genossenschaft nicht durch die Geldnot in Gefahr und vielleicht zum Zusammenbruch zu bringen". Dennoch hoffte man zuversichtlich, dass die Wirtschaft allgemein wieder in Gang komme. Die Genossenschaft war bemüht, ihren Teil dazu beizutragen. Ein herzliches Gedenken galt in dieser Zeit dem verstorbenen Mitgründer und langjährigen Vorstandsmitglied Herrn Ad. Köllmann.
Mietrückstände nahmen zu
Die für 1924 vorgelegte Bilanz belief sich in Aktiva und Passiva auf 113.193,38 Mk. Eine Dividende wurde nicht ausgezahlt. Diese entfiel ebenfalls für das Geschäftsjahr 1925. Die Zahl der Mitglieder ging von 174 auf 131 zurück, die Geschäftsanteile sanken von 337 auf 252. In Anbetracht der allgemeinen Wirtschaftslage war das Geld knapp, ein Teil der Mieter der Genossenschaftswohnungen erwerbslos. Die Mietrückstände erreichten Ende 1925 eine Höhe von fast 5300,- Mk. Trotz aller Schwierigkeiten und Probleme wies die Bilanz der Genossenschaft einen Gewinn von 715,- Mk. auf.
1925 zählte die Stadt Gevelsberg rund 21.000 Einwohner. Ein Ereignis zum Jahresende soll nicht unerwähnt bleiben: Ein Hochwasser überschwemmte die an der Ennepe gelegenen Flächen und sogar die untere Mittelstraße. Auch die unserer Genossenschaft gehörenden Grundstücke wurden davon betroffen. Das Wasser drang ebenfalls in die Keller des Rathauses ein und vernichtete dort wichtige Akten. 1926 schied der Haufer Pastor Heinrich Röttger aus dem Aufsichtsrat aus. Vorsitzender des Vorstandes war inzwischen Paul Huth. Folgender Beschluss wurde gefasst: "Kost- und Quartiergänger müssen vor Aufnahme in eine Wohnung beim Vorstand angemeldet werden".
In der Generalversammlung am 23. April 1927 (im "Hotel zur Post") kam erstmals nach längerer Zeit wieder das Thema "Neubauten" zur Sprache. Es wurde vorgeschlagen, einen Sachverständigen mit der Prüfung möglicher Finanzierungen zu beauftragen. Geschäftsführer war seit 1927 der auf der Heide wohnende Hugo Doering. Er blieb es bis 1932.
1928 an der Wald- und Friedhofstraße
Nach einer Unterbrechung von 18 Jahren setzte 1928 endlich die Neubautätigkeit wieder ein. Es entstanden drei Doppelhäuser an der Wald- und Friedhofstraße, die nach modernsten Gesichtspunkten errichtet wurden. Mitte Juli 1929 konnten die insgesamt 72 Zimmer an 24 Familien vermietet werden. In ihrer architektonischen Ausführung fanden die neuen Häuser allgemeine Anerkennung. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 185.000,- R-Mark. Die Genossenschaft verfügte nun, wie es im Geschäftsbericht für 1929 vermerkt ist, über 103 Wohnungen.
(aus Festschrift: 100 Jahre Bauverein Gevelsberg eG, 1898-1998)
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