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1919-1929

Die Inflationzeit

Zu den hinlänglich bekannten Schwierigkeiten kommt nach dem Ersten Weltkrieg für den Spar- und Bauverein Dortmund wie für jedes Bau- und Wohnungsunternehmen jener Zeit die gigantische Inflation. Im Jahre 1914 sind 1000 Mauersteine für 19 Mark zu haben. Im Jahre 1920 kosten die gleichen 1000 Steine 350 Mark. Für die gesamte Müllabfuhr zahlt das Unternehmen 1917 knapp 6000 Mark, 1920 wird ein Betrag von über 72.000 Mark ausgewiesen.

Bald wird man nur noch in Millionen rechnen. Hinzu kommen die ganz alltäglichen Sorgen. Dazu ein Auszug aus dem Geschäftsbericht des Jahres 1920, des 28jährigen Bestehens des Spar- und Bauvereins: "Von den sehr teuren Hausreparaturen hätte sich ein großer Teil ersparen lassen, wenn jeder Bewohner unserer Häuser mehr als bisher daran denken würde, dass das Haus, in welchem er wohnt, sein Miteigentum ist und er dasselbe zu seinem Teil so hegt und pflegt, wie ein Hausbesitzer, der für eine Unterlassung später die Rechnungen bezahlen muss. Unsere Bewohner bekommen zwar nicht die Rechnungen zugestellt, aber die Annahme, dass das, was der Verein bezahlen muss, sie nicht träfe, ist irrig, denn letzten Endes müssen alle Aufwendungen der Genossenschaft durch die Mieten aufgebracht werden. Eine Reparatur, und sei es die kleinste, kann nicht unter 15 bis 20 Mark ausgeführt werden, da auch die Wege hin und her mit bezahlt werden müssen. Deshalb muss jeder dazu beitragen, dass so wenig wie möglich Reparaturen vorkommen. Wie viele Dachreparaturen entstehen durch das Nichtschließen der Bodenfenster bei plötzlich eintretendem Sturm! Deshalb muss darauf gesehen werden, dass namentlich des Nachts die Bodenfenster geschlossen gehalten und bei Tage, sobald Sturm einsetzt, zugemacht werden. Ebenso lassen sich Reparaturen an Schlössern, das Schleifen von Türen und vieles andere vermeiden.

Hier muss der eine für den anderen einspringen. Was der eine nicht kann, kann der andere. Meistens sind es nur Kleinigkeiten, aber wie es im Sprichwort heißt, dass viel Wenig ein Viel machen, häufen sich diese Kleinigkeiten zu großen Summen an, die vermieden werden können durch Wahrung des genossenschaftlichen Geistes. Diesem möchten wir noch ganz besonders die Vorgärten empfehlen, die den Siedlungen das Kasernenhafte nehmen sollen. Vor allem müssen es die Mütter sein, die ihre Kinder schon dahin aufzuklären haben, dass dies die Lungen der Großstädte sind. Wenn so ein jeder zu seinem Teile die Anlagen als sein Eigentum betrachtet, werden sie ihren Zweck erfüllen; sie werden Zeugnis davon ablegen, daß auch die Mütter in den Kreisen der Arbeiter und unteren Beamten es verstehen, ihre Kinder zu erziehen."

Eine Genossenschaft ist keine Filiale der städtischen Wohlfahrt

Bis zum Jahre 1924 steigt die Zahl der Mitglieder beim Spar- und Bauverein auf 9308. Am Ende des Jahres 1925 werden es 9543 Mitglieder sein. Eine besonders unerfreuliche Begleiterscheinung jener Jahre sind die unregelmäßig eingehenden Mietzahlungen und die Mietausfälle. Der Vorstand des Unternehmens sieht sich daher zu der KlarsteIlung veranlasst: "Ein unerfreuliches Kapitel ist die Zahlung der Wohnungsnutzungsgebühr oder der Miete geworden. Die Zahlungen gehen nicht mehr so ein, wie es im Interesse einer ordentlichen Geschäftsführung verlangt werden muss. Wenn auch zugegeben werden muss, dass die gegenwärtige Zeit eine äußerst schwere ist und dass manche Familie nicht weiß, wie sie durchkommen soll, so darf doch andererseits nicht vergessen werden, dass unsere Genossenschaft keine Filiale der städtischen Wohlfahrtsstelle ist. Unser Verein kann seiner ganzen Zusammensetzung nach nicht dazu übergehen, Familien, die ihre Miete nicht entrichten können, diese zu erlassen. Denn einmal ist seine Verwaltung nicht in der Lage, die Verhältnisse der betreffenden Familien einwandfrei festzustellen und andererseits muss der Allgemeinheit respektive den Behörden gegenüber festgestellt werden, dass die eventuell gezahlten Unterstützungen nicht ausreichen. Aus allen diesen Gründen wird von der Verwaltung erwogen, ob die jetzt vierteljährlichen Mieten noch länger beibehalten werden können oder ob es nicht besser sei, die monatlichen Zahlungen einzuführen und die rückständigen Zahlungen gleichfalls mit einem Zinsaufschlag zu belegen."

Die größte Baugenossenschaft Deutschlands

Wenn auch in bescheidenem Umfange, so setzt man in Dortmund die Bautätigkeit im Rahmen des möglichen fort. Der Genossenschaftsanteil jedes der 9.300 Genossenschaftsmitglieder ist mittlerweile auf 500 Goldmark bei monatlichen Pflichteinzahlungen von 3 Goldmark festgesetzt. Man weiß es nicht exakt, doch vieles spricht dafür, dass aus dem Spar- und Bauverein Dortmund bis zum damaligen Zeitpunkt die größte deutsche Wohnungsbaugenossenschaft wurde. Mit der genossenschaftstypischen Zurückhaltung hält der Vorstand fest:

"Wie aus dem Vorstandsbericht ersichtlich, sind die Aussichten für die Zukunft keine rosigen, immerhin geben sie keinen Anlass zum Pessimismus. Der richtige Genossenschaftler ist ein Optimist, und das ist gut so. Wie unser Vaterland aus seiner Geschichte die Kraft zum Wiederaufstieg schöpfen muss, so müssen auch wir als Genossen unserer Genossenschaft aus dem Werdegang der Genossenschaft, der uns ja schon einen 32jährigen Rückblick bietet, die Kraft zu neuen Taten nehmen. Blicken wir doch einmal 32 Jahre zurück und lassen wir uns von den noch heute unter uns weilenden Mitgliedern erzählen, wie unsere Genossenschaft entstanden ist und sich zu einer der größten, wenn nicht gar der größten, in Deutschland ausgewachsen hat. Wie sie ob ihrer 30 Pfg. Pflichtbeiträge verspottet wurden und wie einsichtige Leute, wie der Herr Kommerzienrat Schüchtermann nicht begreifen konnten, dass es möglich sein sollte, mit so geringen Beiträgen auch nur die Mittel zum Bauen von einem Hause zusammenzubringen. Wie den Gründern immer wieder entgegengehalten wurde, dass der Arbeiter nicht in der Lage sei, von seinem Verdienst auch nur diese 30 Pfg. in der Woche übrig zu haben. Wie der fehlende Credit und das Vertrauen Schritt vor Schritt erkämpft werden musste. Wenn wir uns dies alles ins Gedächtnis zurückrufen, so verfliegt der Pessimismus wie Nebel vor der Sonne. Was die ersten 300 Mitglieder der Genossenschaft im ersten Geschäftsjahre geleistet, soll ihnen unvergessen bleiben. Wir müssen uns ihre Taten zum Vorbild dienen lassen und getreu in ihren Pfaden weiter wandeln. Wenn es auch nicht möglich ist, dass die Einzahlungen einen Umfang annehmen können, wie in den letzten Jahren vor dem Kriege, so wollen wir doch unseren Nachkommen zeigen, dass auch wir unserer Vorfahren würdig gewesen sind. Auch wir wollen, wenn auch mit kleinen Beträgen, unseren Verpflichtungen der Genossenschaft gegenüber nachkommen und nicht vergessen, dass viele Wenig auch heute noch ein Viel machen. Handelt es sich im Augenblick doch darum, den Genossen zu helfen, eine Vereinswohnung zu beschaffen, die zur Errichtung der früher erstellten beigetragen haben, aber nicht durch das Los in den Besitz einer Wohnung gelangt sind. Dies ist im Hinblick auf die große Wohnungsnot dringender nötig denn je. Die herrschende Geldknappheit wirkt zwar hemmend auf unser Unternehmen, aber dank des von unseren Vorkämpfern erworbenen Vertrauens aller Stellen, mit denen wir zu arbeiten haben, werden wir auch diese kritische Zeit überwinden."

Das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz, ein Gesetz der Not

Ende der Zwanziger Jahre wird sich die Bautätigkeit der Genossenschaft beleben. Der 10. Mai des Jahres 1929 ist für die Dortmunder Genossenschaft ein markantes Datum: An diesem Tag wird die 3000. Wohnung in einem feierlichen Akt an ein Mitglied übergeben. Und schon im Laufe des Jahres 1930 wird sich die Zahl der Genossenschaftswohnungen, die in jenem Jahre bezogen werden, auf 3457 erhöhen. In jenem Jahre wird das soziale Verhalten der deutschen Baugenossenschaften und anderer im Sozialbau Engagierter gesetzlich kodifiziert. Der Reichstag verabschiedet das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz. Beim Dortmunder Spar- und Bauverein sieht man diese Entwicklung ohne Euphorie und eher nüchtern:
"Durch Notverordnung ist nun das in den Kreisen der Baugenossenschaften lange erwartete Gesetz über die Gemeinnützigkeit herausgekommen. Dadurch sind alle die in einer Unzahl von Gesetzen enthaltenen Bestimmungen über die Auslegung des Wortes ,Gemeinnützigkeit' zusammengefasst. Da die Ausführungsbestimmungen des Reiches und der Länder bisher noch nicht vorliegen, so lässt sich ein abschließendes Urteil darüber, ob dieses Gesetz Vorteile für unsere Baugenossenschaft bringen wird, noch nicht bilden. Soviel scheint jedoch festzustehen, dass in Zukunft eine Reihe von Personen sich den Baugenossenschaften kaum noch anschließen können, da die Pflichtbeiträge der Mitglieder ziemlich hoch festgesetzt sind. Dieses geht am besten daraus hervor, dass der Pflichtbeitrag vor 38 Jahren bei Gründung unserer Genossenschaft nach dem Vorbild des Spar- und Bauverein Hannover auf 30 Pfennige pro Woche oder 15,60 Mark pro Jahr festgesetzt wurde. Wir haben denselben später auf 60 Pfennige oder 31,20 Mark pro Jahr erhöht. Zur Zeit beträgt er 3 Mark pro Monat oder 36 Mark pro Jahr. Das neue Gesetz schreibt nun vor, dass der Geschäftsanteil mindestens 300 Mark (bisher hatte man Genossenschaften, deren Geschäftsanteil 50 Mark und noch weniger war) betragen muss.

(aus Festschrift: 100 Jahre Spar- und Bauverein eG Dortmund, 1893-1993)
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