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1919-1929

Anlass zur Gründung des Bauvereins war die große Wohnungsnot nach dem ersten Weltkrieg. Entlassene Soldaten und Kriegsgefangene kehrten in die Heimat zurück. Hinzu kam, dass auch viele Arbeitskräfte von auswärts herangezogen wurden, um die geforderten Lieferungen der Siegermächte zu erfüllen. Wohnraum war knapp und teuer! Genossenschaftliche Bauvereine gab es bereits in vielen Gegenden Deutschlands. Es lag daher nahe, auch für die noch selbständige Bürgermeisterei Hochemmerich einen solchen Verein zu gründen.

Am 3. August 1919 trafen sich 14 Interessenten im damaligen Vereinshaus an der Ecke Schwarzenberger-/ Friedrich-Ebert-Straße zu einer Besprechung zwecks Gründung eines Bauvereins. Verhandlungsführer war der Gemeindelandmesser Franz Boshof.

Aus der Niederschrift dieser Gründungsversammlung verdient festgehalten zu werden:
Hochemmerich, den 3. August 1919
„Verhandelt: Zwecks Besprechung über die Gründung einer gemeinnützigen Genossenschaft zur Beschaffung von Wohnungen hatten sich heute eine Anzahl Bürger Hochemmerichs im kath. Vereinshaus eingefunden. Der Gemeindelandmesser Boshof eröffnete die Besprechung. Alsdann wurde zur Wahl eines Verhandlungsleiters und des Schriftführers geschritten. Als Verhandlungsleiter wurde durch Zuruf Herr Boshof und als Schriftführer Herr Pannes bestimmt. Gegen die Wahl erfolgte kein Widerspruch.

Nach kurzer Erläuterung der Ziele einer solchen Gesellschaft durch den Gemeindelandmesser Boshof erklärten sich die Unterzeichneten bereit, eine Genossenschaft nach den Vorschriften des Reichsgesetzes betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften vom 1. Mai 1889 zu gründen.

Die Firma der Genossenschaft soll lauten: Gemeinnützige Spar- und Baugenossenschaft, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht. Der Sitz der Genossenschaft ist Hochemmerich. Der Zweck des Unternehmens ist ausschließlich: Den weniger bemittelten Einwohnern der Bürgermeisterei Hochemmerich billige, gesunde, gut eingerichtete, das Familienleben fördernde Wohnungen zu beschaffen.

Die besonderen Satzungen der Genossenschaft sollen schnellstens ausgearbeitet werden, damit die Eintragung der Genossenschaft in das Genossenschaftsregister tunlichst bald in die Wege geleitet werden kann. Bis zur Festsetzung der endgültigen Satzung bzw. bis zur etwaigen vorläufigen Einführung der Satzungen einer anderen, die selben Ziele verfolgenden Genossenschaft durch eine spätere Generalversammlung, sollen die Mustersatzungen des Rheinischen Vereins für Kleinwohnungen in Düsseldorf Geltung haben. Ein Exemplar dieser Mustersatzungen ist nach seiner Ergänzung zu dieser Verhandlung vollzogen worden.

Das Eintrittsgeld wird auf fünf Mark und der Geschäftsanteil auf dreihundert Mark festgesetzt.

Aufgabe der vorläufigen Geschäftsführung ist die Durcharbeitung der Satzungen, die Fühlungnahme zur Beschaffung von Baugelände und die Inangriffnahme aller Arbeiten, die nötig sind zur Beschaffung der Überteuerungszulagen, welche nach den bestehenden Verordnungen aus Reichs-, Staats- und Gemeindemitteln in Aussicht gestellt sind, Insbesondere hat die vorläufige Geschäftsführung das Recht, sich mit den Architekten in Verbindung zu setzen und mit diesen Vorarbeiten im Interesse der Förderung der Angelegenheit auszuführen.

Die Unterzeichneten sind bereit, in ihrem Wirkungskreise eifrig für die neue Genossenschaft zu arbeiten.

Sobald die Entwicklung der Genossenschaft es erheischt, ist eine Generalversammlung einzuberufen.
GleimSchaeffer
WeilerBausch
DominikKüppers
NietscheBiet
BosbachPannes
BlittgenKoenen
RuschkewitzBoshof“


Die vorläufige Geschäftsführung unter Leitung von Herrn Franz Boshof begann sofort mit ihrer Aufgabe, dem neuen Bauverein alle Wege zu ebnen. In erster Linie musste eine Satzung geschaffen werden, deren Ausarbeitung erhebliche Schwierigkeiten bereitete. Weiter waren die Gemeinde und die Industrie von den Absichten des Vereins zu unterrichten; zugleich wurde um Unterstützung bei dem Erwerb von Baugelände und der Hergabe von Baugeldern gebeten.

Am 2. November 1919 fand im Lokal Heinrich Portmann am Damm die erste Generalversammlung statt. Sie wurde bereits von 150 Personen besucht. Der Gemeindelandmesser Boshof gab einen ausführlichen Bericht über die bisherige Tätigkeit der vorläufigen Geschäftsführung. Die ausgearbeitete Satzung wurde einstimmig angenommen. Die Versammlung wählte auch den ersten Aufsichtsrat. Dieser hatte nunmehr den aus drei ehrenamtlichen Mitgliedern bestehenden Vorstand zu wählen. Am 18. November 1919 trat der Aufsichtsrat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Er wählte aus seiner Mitte Herrn Emil Bosbach zum Vorsitzenden.

Damit übernahm ein Mann diesen wichtigen Posten, der als Idealist ein echter Förderer der genossenschaftlichen Aufgaben war. Ihm hat der Bauverein viel zu verdanken. Bei den Genossen war er durch seinen Gerechtigkeitssinn allseits beliebt. Er hielt den Vorsitz bis 1928, um dann als Wohnungsverwalter in die Dienste des Unternehmens zu treten. Hier hat er besonders in den schweren Jahren der Wirtschaftskrise immer ausgleichend gewirkt. Nach ihm ist eine Straße am Marktplatz Hochemmerich benannt.

Weiter ist noch Herr Gemeindelandmesser Franz Boshof zu erwähnen, der zu den Initiatoren und Gründern der Genossenschaft zählt. Er hat sich überwiegend mit der Geschäftsführung befasst und gehörte dem ersten Vorstand an. Später hat er sich zumeist mit den technischen Aufgaben, wie Grunderwerb und Erstellung der Wohnungen, beschäftigt. Auch ihm ist die Genossenschaft zu großem Dank verpflichtet. Er schied 1925, kurz vor seinem Tode, aus dem Vorstand aus. Nach ihm wurde der Boshofweg in Bergheim im Rahmen einer von der Genossenschaft errichteten Eigenheimsiedlung benannt.

Die rechtliche Grundlage erhielt der Verein durch die Eintragung unter der Nummer 111 in das Genossenschaftsregister beim Amtsgericht Moers am 8.1.1920. Auch die Anerkennung als Gemeinnützige Baugenossenschaft durch den Verbandspräsidenten des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk in Essen vom 12. 11. 1932 mit Wirkung vom 20.8.1932 war für die weitere Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung.

Große Schwierigkeiten bereitete der Genossenschaft die Beschaffung von Baugelände. Zwar waren einige Grundstücke für eine Bebauung in Aussicht genommen, aber der Erwerb scheiterte an nicht angemessenen Preisen. Auch die Finanzierung war ein besonderes Problem.

Das erste Bauvorhaben entstand am Akazienhof, nachdem der Genossenschaft im Juni 1920 die erforderlichen Grundstücke im Enteignungsverfahren zugesprochen wurden. Die notwendigen Mittel stellte die Treuhandstelle für den Bergarbeiterwohnungsbau in Essen zur Verfügung. Die Häuser sind 1924 an die Bergmannssiedlung Linker Niederrhein abgetreten worden.

Inzwischen war es gelungen, weitere Grundstücke zu erwerben. Die Mitgliederzahl nahm beträchtlich zu, so dass bereits 1922 rund 400 Genossen eingetragen waren. In den Jahren 1922/23 entstanden weitere Bauvorhaben, die noch heute im Eigentum der Genossenschaft sind. Es handelt sich um die Häuser Bertholdstraße 2-8, Siegfriedstraße 6 und Trompeter Straße 70-72, insgesamt 7 Häuser mit 24 Wohnungen. Sie konnten 1923 bezogen werden und sind noch während der Inflation abgerechnet worden.

Noch im Jahre 1923 konnte auch mit dem Bau von Häusern am Essenberger Kirchweg begonnen werden. Leider fehlten die erforderlichen Mittel, um die Häuser noch während der Inflation fertigzustellen.

Rückblickend muss gesagt werden, dass die Erstellung der Bauvorhaben nicht so einfach war. Die Gemeinde verhielt sich dem jungen Verein gegenüber abwartend. Die Hergabe von Krediten und Hypotheken war von entsprechenden Vermögenswerten abhängig, die aber nicht vorhanden waren. Nur dem echten Genossenschaftsgeist der Vorstandsmitglieder Boshof und Nübel ist es zu verdanken, dass weiter gebaut werden konnte. Sie verbürgten sich bei der Sparkasse mit ihrem Vermögen.

Bei der heutigen Größe des Vereins und seiner Vermögenslage sollte man daher nicht vergessen, dass die Genossenschaft nur durch den Idealismus einiger Männer die Anfangsschwierigkeiten überwinden konnte. Am 30.4.1924 trat Herr August Wagner, später Stadtbaumeister, in den Vorstand ein. Er gehörte ihm bis zum 31.10.1956 an, mit Ausnahme der Jahre 1945/46, also rund 30 Jahre. Ihm gelang es schon bald, die Häuser am Essenberger Kirchweg fertigzustellen. Grundstücke wurden erworben und Bauplanungen aufgestellt. Aber es fehlte an dem nötigen Eigenkapital. Herr Wagner schlug daher vor, Häuser zu verkaufen. Es handelte sich insbesondere um die Einfamilienhäuser, die im Volksmund als „zwölf Apostel“ bezeichnet werden. In den nächsten Jahren konnte dann eine ganze Reihe von Bauvorhaben erstellt werden, die erheblich zur Stärkung der Genossenschaft beitrugen.

(aus Festschrift: 50 Jahre Gemeinnütziger Bauverein Hochemmerich eGmbH Rheinhausen, 1919-1969)


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