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1906-1918

Am 29. April 1906 schlug die Geburtsstunde des Bauvereins zu Lünen. Damals trafen sich mehr als 40 Personen im Lokal Elbracht zur Gründungsversammlung. Sie war in der „Lüner Zeitung“ angekündigt worden, also eine öffentliche Veranstaltung. Das Gründungsprotokoll nennt Engelbert Kussi als den Initiator, der die Zusammenkunft eröffnete. Als Gast hatten die Lüner einen im Vereinswesen bewanderten Referenten, “Herrn Beuning aus Münster“, eingeladen. Er gab der Gruppe gute Ratschläge zur Gründung eines gemeinnützigen Bauvereins. “Nachdem noch Herr Pfarrer Ostermann den Zweck, die Errichtung und die Wohltaten eines gemeinnützigen Bauvereins dargelegt hatte“, so das Protokoll wörtlich, schritt man zur Tat: “Die Gründung eines solchen Bauvereins für Lünen wurde einstimmig beschlossen.“

Nun musste ein Statut her. “Behufs Beschaffung“ eines solchen, das “tunlichst bald“ vorgelegt werden sollte, wurde zunächst ein provisorischer Vorstand mit Wilhelm Meier an der Spitze gewählt. Sein Stellvertreter war Wilhelm Sprock. Das Amt des Schriftführers übernahm Engelbert Kussi. August Schröder und Otto Vater fungierten als Beisitzer. “Damit war die erste Baugenossenschaft in der Stadt Lünen ins Leben gerufen“, vermerkte der Protokollant mit dem Hinweis, dass sich 26 Arbeiter als Mitglieder angemeldet hatten. Die Polizeiverwaltung beglaubigte die Unterschriften der provisorischen Vereinsspitze mit dem Zusatz, “dass die Unterzeichneten den Vorstand der Genossenschaft bilden“.

Mit Eifer und Geschick gingen die leitenden Männer an die Arbeit. Bereits 14 Tage nach der Gründung beriefen sie die erste Generalversammlung ein und legten den Mitgliedern die Satzung des “Gemeinnützigen Bauvereins eGmbH zu Lünen“ vor, wie die Genossenschaft nun offiziell hieß. Die Satzung wurde mit wenigen Änderungen angenommen. An diesem 13. Mai 1906 waren, wie die “Lüner Zeitung“ zu berichten wusste, neben den Mitgliedern auch mehrere wichtige Gäste im Lokal Elbracht erschienen; unter ihnen Bürgermeister Becker, der Fabrikant W. Potthoff und der Bauunternehmer Wüste. Auch Pfarrer Ostermann, der mit einigen Freunden den ersten Aufruf zur Gründung eines Bauvereins erlassen hatte, war wieder dabei. Er schlug vor, einen dreiköpfigen Vorstand zu bilden und sechs Personen in den Aufsichtsrat zu wählen. So geschah es, und zwar einstimmig und per Akklamation. In den Vorstand wurden gewählt: Wilhelm Meier als Vorsitzender, Rektor Bichel als Kassierer und Engelbert Kussi als Bauverwalter. Bereits am 24. März 1907 schied der Kassierer jedoch schon wieder aus, weil er die Stadt für längere Zeit verließ. Ein Jahr lang übernahm Ferdinand Grewe seine Arbeit, für den Rest der Wah1zeit führte Herr Debray die Kassengeschäfte.

Der Aufsichtsrat setzte sich aus Fabrikant W. Potthoff, Brennereibesitzer Schulz-Gahmen, Dr. Wortmann, W. Fittinghoff, Frau Horstmann und Frau Klaas zusammen. „Herr Bürgermeister Becker sprach seine Freude aus, dass auch hier in Lünen ein solcher Verein zustande gekommen sei, der zum Wohle der Arbeiter und zur Verschönerung der Stadt beitrüge, und er wolle im Stadtverordneten-Kollegium die Sache unterstützen“, berichtet die „Lüner Zeitung“. Bis zu dieser Versammlung hatten sich 48 Mitglieder bei der Genossenschaft eingeschrieben. Die Gründungsperiode endete am 29. August 1906 mit der gerichtlichen Eintragung in das Genossenschaftsregister. Nun konnte die praktische Arbeit beginnen. Sie richtete sich streng nach den Bestimmungen der Satzung. Schon in ihrem Paragraphen 2 war der Gegenstand des Unternehmens benannt: „Der Zweck der Genossenschaft ist ausschließlich darauf gerichtet, ihren unbemittelten Mitgliedern gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen zu beschaffen.“ Diesem Ziel kam die Genossenschaft im Gründungsjahr jedoch nur planerisch näher. Wegen Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung konnte das erste Bauprojekt 1906 noch nicht verwirklicht werden. Aber mit ihrem inneren Ausbau kam die Genossenschaft gut voran: Erstes Kapital bildete sich, indem die Mitglieder ihr „Eintrittsgeld“ von fünf Reichsmark einzahlten und mindestens einen Geschäftsanteil von 200 Mark erwarben. Die Anzahl der Geschäftsanteile pro Mitglied war jedoch auf 50 begrenzt.

Im nächsten Jahr, 1907, ging‘s dann los: Der Bauverein nahm bei der Landesversicherungsanstalt Westfalen eine Anleihe von 50.000 Mark auf, für die die Stadt Lünen die Bürgschaft übernahm. Als erstes Grundstück wurde Flur V Nr. 91 erworben. Das war im Frühjahr, und „bereits im Mai“, vermerkt Genossenschaftschronist Josef Hofnagel stolz, „schritt man zur Vergebung der ersten Bauten“. Im Spätherbst, nach einer für damalige Verhältnisse kurzen Bauzeit, standen dann die geplanten zwei Wohnhausreihen mit je vier Einfamilienhäusern, und die ersten Mitglieder zogen in ihre Eigenheime ein. Zu den Vierzimmerwohnungen gehörten auch Ställe, denn damals hielt man noch Kleinvieh hinterm Haus.

Neues Baugelände erwarb die Genossenschaft sodann an der Garten- und Roonstraße. In der Gartenstraße entstanden zwei Doppelhäuser, an der Roonstraße ein Doppelhaus und ein Eckhaus mit Ladenlokal. Damit verfügte der Bauverein auch über sein erstes gewerbliches Objekt. Bis Ende 1909 waren bereits 22 Häuser mit 40 Wohnungen fertiggestellt. Dazu gehörten acht Einfamilienhäuser, 13 Zweifamilienhäuser und ein Sechsfamilienhaus. Einige Bauten erhielten versuchsweise Gasanschluss. Auch die Mitgliederzahl stieg ständig. Ende 1910 gehörten 80 Genossen dem Bauverein an. Sie hielten 83 Geschäftsanteile. Ein Jahr später, also nach Ablauf fünfjähriger Tätigkeit, wies die Immobilienliste des Bauvereins schon 35 Häuser mit 70 Wohnungen aus. Der Gesamtwert der Mietshäuser stand mit 149 400 Mark zu Buche und :erzinste sich durchschnittlich mit 5,86 Prozent.

Mit dieser erfolgreichen Geschäftsentwicklung gewann der Bauverein gleichzeitig starken Einfluss auf die Prägung des neuen Gesichts der Stadt Lünen. Genossenschaftswohnungen waren jetzt “in“, und 1912 setzte eine Periode besonders reger Bautätigkeit ein: Die erste Siedlung an der Viktoria-, Roon- und Prinz-Friedrich-Karl-Straße, der jetzigen Rathenaustraße, dehnte sich weiter aus, und an der Seseke entstand ein neuer Stadtteil. Hier hatte der Bauverein 1911 weiteres Gelände an der Bebelstraße gekauft. Damit begann eine wohldurchdachte Planung, die in den Jahren 1913/14 Erwerbshäuser mit gepflegten Gärten entstehen ließ. Nachdem an der Goeben-, Gneisenau-, Seydlitz- und Lützowstraße weitere 17 Ein- und sechs Zweifamilienhäuser sowie ein Mietshaus fertiggestellt waren, musste die Genossenschaft auf ihrem Expansionskurs innehalten:

Der Erste Weltkrieg brach aus, an Wohnungsbau war nicht mehr zu denken. So musste sich das Unternehmen auf die Verwaltung des Bestandes beschränken. Und der war bereits von beachtlicher Größe: Die genossenschaftliche Initiative hatte es auf 97 Häuser — davon 60 Erwerbshäuser — mit 176 Wohnungen gebracht. In den Kriegsjahren bewährte sich der Gemeinschaftsgedanke in der Genossenschaft auf besondere Weise. Da viele Männer aus Mitgliedsfamilien Soldaten geworden waren, brauchten die Zurückgebliebenen nur zwei Drittel der Miete zu zahlen. Möglich wurde dieser Mietnachlass durch eine Kriegsversicherung, die die Genossenschaft bei der Landesbank abschloss. Dadurch konnte der Bauverein den betroffenen Familien ein Drittel der vereinbarten Miete erlassen. ‘Der Rest“, berichtet die Chronik, wurde von der Stadt getragen“.

(aus Festschrift: 90 Jahre Bauverein zu Lünen eG, 1906-1997)

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