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1899-1918

Geschichte des 7. März 1899

Am 1. April 1898 trat ein neuer Schulrektor in der Ehrenfelder Volksschule Gutenbergstraße an. Es war ein relativ junger Mann, schmal, nicht sehr groß, mit dunklen Haaren und einem klaren, energischen Blick. Franz Peter Schmitz hieß er, ein Kölner Adelsname. Er hatte Ideen und Ziele, die weit darüber hinausgingen, Kindern nur Lesen und Rechnen beizubringen. Er wusste schon, dass Kinder, die kein ordentliches Ehernhaus besitzen, auch in der Schule oft kaum motiviert sind.

Franz Peter Schmitz lernte bald den Ehrenfelder Fabrikanten Ernst Leyendecker kennen. Leyendecker betätigte sich auch in der Politik und trat vor allem für die Förderung sozialer Einrichtungen ein. Er forderte zum Beispiel, die Stadt solle Grundstücke für einen sozialen Wohnungsbau hergeben. Viele Menschen hausten in Elendsquartieren.

Der „Kölner Lokalanzeiger“ meldete in diesem Jahr 1899, dass ein Achtel aller Kölner Wohnungen nur aus einem Zimmer bestünden. „Wie können wir die unteren Klassen in unseren Großstädten in bessere Wohnungen bringen, damit sie nicht wie Tiere in Höhlen leben müssen?“ könnte Schmitz gefragt haben, wenn wir die Situation von damals anhand historischer Unterlagen rekonstruieren.

„Es gibt zwei Wege“, hätte Leyendecker antworten können.,, Es werden Werkswohnungen gebaut, wie es im Ruhrgebiet sehr weitgehend geschieht. Bei Krupp und anderswo. Oder wir versorgen uns selber auf gemeinschaftlicher Grundlage. jeder spart in einer Genossenschaft für seine eigene Wohnung, in der er aber schon lebt. Die Mitglieder sind gleichzeitig Mieter und Besitzer. Der erste Weg ist zwar auch gut, aber er macht die Arbeiter total abhängig. Deswegen bin ich für den zweiten Weg.“

Franz Peter Schmitz wunderte sich: „Daß Sie als Unternehmer das sagen, ist eigentlich erstaunlich.“ „Es ist nur vernünftig“, entgegnete Leyendecker. „ Wenn wir einen Teil der Bevölkerung zu Barbaren, zu tierischem Dasein herunterdrücken, bekommen wir unausweichlich soziale Unruhen. Und daran kann auch kein Unternehmer interessiert sein.“

Die beiden fanden noch einen dritten Verbündeten, der uneingeschränkt mitmachte. Es war der Pfarrer des Bezirks, Gerhard Bruders. Der dachte schon ökumenisch, wollte beide Kirchen, die katholische und die evangelische, einbringen.,, So vermeiden wir jede Form von Klassenkampf“, versicherte er. Die drei trafen sich nun häufiger, um den Plan zu entwickeln.

Sie konnten das vorantreiben, weil eine Novelle zum „Reichsgesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftgenossenschaften“ vom 1. Mai 1889 die beschränkte Haftung in der Genossenschaft möglich machte. Bis dahin mussten alle Mitglieder mit ihrem gesamten Privatvermögen solidarisch haften. jetzt wurde das Risiko auch für Förderer kalkulierbar.

Am 22. Februar 1899 arrangierten die drei eine Vorbesprechung, an der auf Einladung Leyendeckers auch die Mehrzahl der Ehrenfelder Fabrikanten teilnahm. Es war allen klar, dass der Plan nicht gelingen könnte, wenn sich die Unternehmer nicht wirkungsvoll beteiligten. Dabei betonten diese wiederum, dass die eigentliche Initiative von den Arbeitnehmern ausgehen und getragen werden müsse.

Das war gar nicht so leicht zu erreichen. Viele Arbeiter waren zunächst misstrauisch. „Wo liegt das Hemmnis, was befürchten die Leute?“ fragte Leyendecker. „Es sind die vielen Paragraphen, die abschrecken“ erklärte Schmitz. Das Wagnis, mit so geringem Einkommen ein Haus zu erwerben, das einem aber dann nicht gehört, das man erst abbezahlen muss, das schüchtert sie ein bisschen ein. Das ist ja auch für die meisten ganz neu, sie glauben das Risiko nicht tragen zu können.“

Am 28. Februar traten die Vertreter der drei existierenden Arbeitervereine zur Beratung eines Statuts zusammen. Die Mehrheit wollte schließlich das Experiment wagen. Die
Not zwang ja auch dazu, etwas zu tun. Im Gewerbeaufsichtsbericht von 1899 hieß es: „Die Nachfrage nach Wohnungen stieg immer mehr, und die Mietpreise schnellten in ungesunder Weise in die Höhe, so daß ein großer Teil der Arbeiter nicht in der Lage ist, Wohnungen zu mieten, die auch nur mäßigen Anforderungen entsprechen. ... Aber nicht allein Mangel an Wohnungen ist vorhanden, viele Wohnungen befinden sich in einem Zustand, der sie als gänzlich ungeeignet zum Aufenthalt von Menschen erscheinen läßt.“

93 Männer kamen am 7. März 1899 auf Einladung des Pfarrers Gerhard Bruders von der Pfarre St. Rochus in Köln-Bickendorf zusammen. Es waren 74 Arbeiter, Handwerker und Gewerkschaftler, zehn Unternehmer und neun Lehrer, Arzte und Pfarrer. Die Frauen waren nicht dabei. Die standen in jenen Tagen noch am Herd oder am Waschbrett, redeten dabei nur indirekt mit.Diese Männer wollten eine Genossenschaft gründen. Das Ziel war:
„Bau und Bewirtschaftung gesunder preiswerter Wohnungen für minderbemittelte und kinderreiche Familien.“

Pfarrer Bruders wurde zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt. Er bestimmte Rektor Schmitz zum Schriftführer. Das war ein wegweisender Beschluss, denn Schmitz wurde dann zur „Seele“ des Unternehmens. Bald kahlköpfig und mit Lenin-Bart saß er fast 50 Jahre auf dem Stuhl des geschäftsführenden Vorstandsmitgliedes. Als Vorstandsvorsitzender leitete er die Genossenschaft von 1899 bis zu seinem Tode 1947.

Auf der Versammlung am 7. März 1899 wurde sie gegründet. Die Namens- und Adressenliste der Teilnehmer ist noch vollständig erhalten. Im Gegensatz zu anderen Großstädten förderten in Köln auch die Unternehmer die Genossenschaften. Anderswo stieß deren demokratische Verfasstheit oft auf Misstrauen und Ablehnung. Das war von entscheidender Bedeutung.

Die Teilnehmer verständigten sich, dass ein Fachmann im Bauwesen, ein Arzt, vier Arbeitnehmer, drei Arbeitgeber und drei Präsidenten von Arbeitervereinen im Aufsichtsrat sein sollten. In die Satzungen wurde die Bestimmung aufgenommen, dass von den 12 Mitgliedern des Aufsichtsrates mindestens 4 dem Arbeiterstande angehören sollten.

So wurden in den ersten Aufsichtsrat schließlich gewählt: Ein Arzt, drei Arbeitgeber, drei Präsidenten von Arbeitervereinen, 1 Beamter und vier Arbeitnehmer. Erster Vorsitzender wurde von 1899-1902 der rührige Fabrikant und Stadtverordnete Ernst Leyendecker. Auf Bildern sieht man: Er war ein stattlicher Herr mit vollem, leicht gewellten Haar und weißem Spitzbart. Er trug einen Zwicker dazu, eine Brille ohne Bügel.

Die Stadt Köln förderte die Genossenschaft, gab günstige Grundstücke, halbierte die Erschließungskosten, vermittelte günstige Hypotheken, verzichtete teilweise auf Steuern. So wurden Häuser errichtet, „welche nach den Erfordernissen der Gesundheitslehre und der Sittlichkeit gebaut sind“.

Als erstes erwarb die Genossenschaft 25 Baustellen an der Vitalisstraße und sieben an der Feltenstraße. Die neuen Häuser wurden 1902 auf der Düsseldorfer Gewerbe- und Kunstausstellung mit der silbernen Medaille ausgezeichnet. „Es ist eine Lust, die Straßenzüge zu durchwandern, die ihr Dasein modernen Baugenossenschaften verdanken“, urteilte ein früher Kritiker.

Geschichte in Jahreszahlen

Hundert Jahre Genossenschaft sind auch hundert Jahre deutsche Geschichte. In den erhaltenen Jahresberichten und einigen anderen Dokumenten kann es jeder nachlesen. Zu erwähnen ist vor allem ein Entwurf für eine Chronik, die Jakob Schupp begonnen hat. Dabei ergeben sich zwar nur in Stichwörtern Einblicke in die Zeitgeschichte, sie lassen aber trotzdem diese Jahre plastisch vor unseren Augen entstehen. So lesen sich diese Berichte wie ein Geschichtsbuch besonderer Art. Was aber auch immer geschah und für die Geschichtsbücher festgehalten wurde - das Ziel der Wohnungsgenossenschaft veränderte sich nicht. Es steht wie der berühmte Fels in der Brandung dieses Jahrhunderts.

1899: „Die Übereinstimmung des vorstehenden Statuts mit dem bei der Genossenschaft befindlichen und die Eintragung der Genossenschaft „Ehrenfelder Arbeiter-Wohnungsgenossenschaft mit beschränkter Haftpflicht“ in das bei dem hiesigen Amtsgericht zu führende Genossenschaftsregister unter Nr. 93 wird hiermit bescheinigt. Eingetragen am 28. März cr. Köln, den 10 April 1899. gez Elspaß L. S. Gerichtsschreiber des Königlichen Amtsgerichts Abteilung 26.“

1907: § 2 der Satzung wurde neu gefasst: „Der Zweck der Genossenschaft ist ausschließlich darauf gerichtet, minderbemittelten Familien gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen zu verschaffen, vorzugsweise aber ihnen den Erwerb dieser Häuser zu ermöglichen.“

1908: Der Vorstand des Verbandes Rheinischer Baugenossenschaften bescheinigt „Die Revision hat ergeben, daß die finanzielle Lage sehr gut ist und daß Vorstand und Aufsichtsrat ihren Pflichten und Aufgaben in hinreichender Weise nachkommen. Die Geschäftsführung ist sehr vorsichtig und weitblickend, die Buchführung außerordentlich zuverlässig und übersichtlich.“

1909: „Am 1. Mai dieses Jahres wohnten in unseren Häusern im ganzen 227 Familien, und zwar 1167 Personen. (Der Bezirk Ehrenfeld-Bickendorf hat 58000 Einwohner.“

1911: „Gemäß einem Beschlusse des Aufsichtsrates wird am 15. März 1912 im Hause Landmannstraße 48 eine Geschäftsstelle eingerichtet. Zum Geschäftsführer ist Herr Jos.  Vasters gewählt worden. Derselbe holt monatlich die Mieten in den Häusern Eichendorffstraße, Landmannstraße, Nußbaumerstraße, Chamissostraße, Takustraße und Takuplatz persönlich ab, führt die Bücher, vermietet die Wohnungen und überwacht die Instandhaltung der Häuser sowie die Innehaltung der eingeführten Hausordnung.“

„Einladung zur ordentlichen Generalversammlung am Sonntag, den 28. April, nachmittags 5 Uhr im Saale des Wirtes Joh. Zimmermann, Subbelrather Str. 543. Punkt 4: Vortrag des Herrn Dr. med. Geuer: Wohnungswesen und Tuberkulose.“ (Dr. Geuer war Mitglied des Aufsichtsrates)

„Im abgelaufenen Geschäftsjahr war der Zuwachs an neuen Mitgliedern namentlich aus den Kreisen der Wohnungsbedürftigen bedeutend stärker als bisher. Es traten 84 Mitglieder ein gegenüber 40 im Jahre 1910 und 39 im Jahre 1909. Auch nach jeder anderen Richtung hin sind die Ergebnisse recht günstig. Die Reserven sind von 55.010.06 M. auf 65.145.14 M gestiegen. ... Es wurden 50 Wohnungen an der Takustraße und am Takuplatz fertig gestellt, und zwar 10 von 2, 28 von 3 und 12 von 4 Räumen. Sämtliche Wohnungen haben elektrische Beleuchtung....

Im Bau begriffen sind 4 Mietshäuser von je 8 Wohnungen am Takuplatz und an der Iltisstraße, sowie 20 Einfamilienhäuser an Fronhof und Emilstraße. ... Die erforderlichen Anleihen sind von der Landesversicherungsanstalt unter Bürgschaft der Stadt Cöln bewilligt worden. Gerne benutzen wir diese Gelegenheit ... den wärmsten Dank zum Ausdruck zu bringen. Mit der Vorbereitung zur Bepflanzung des Takuplatzes und der Erbreiterung der Iltisstraße ist begonnen worden....

Wiederholt ist in der Lokalpresse... die dringende Weiterführung der elektrischen Straßenbahn nach Ossendorf nachgewiesen worden.

1914: „Durch den Ausbruch des Krieges ist unsere Bautätigkeit nur insoweit beeinflußt worden, als die 3 großen Miethäuser an der Iris- und Takustraße erst am 1. Februar bzw. 1. März d.J. vollendet werden konnten. Bei Beginn des Krieges wurde den ins Feld einberufenen Inhabern unserer Wohnungen 25 % der Miete erlassen. Im Berichtsjahr ergab das einen Ausfall von 1770,68 M. Verluste durch Leerstehen von Wohnungen sind nicht entstanden...

Welchen Wert die Bewirtschaftung eines kleinen Gartens für die Familie hat, wurde besonders zu Anfang des Krieges erkannt, als der Preis der Frühkartoffeln für kurze Zeit eine ungewöhnliche Höhe erreichte.

(aus Festschrift: 100 Jahre Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Ehrenfeld eG, 1899-1999)

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