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1898-1918
Die Deckung des Fehlbedarfs an Wohnungen für Arbeiter lag nicht nur im Interesse der Firmenchefs, sondern nicht zuletzt der kommunalen Behörden, des damaligen Landkreises Schwelm und der Stadt Gevelsberg. Der Kreisausschuss regte dann auch die Gründung einer gemeinnützigen Baugenossenschaft in Gevelsberg an. Der erste Bürgermeister unserer Stadt, Fritz Knippschild, ergriff daraufhin die Initiative. Es fehlen darüber zwar protokollarische Unterlagen, jedoch veröffentlichte die „Gevelsberger Zeitung‘ - Organ für Gevelsberg, Milspe, Vörde, Haßlinghausen und Umgegend - eine Einladung des Bürgermeisters zu einer ersten Zusammenkunft.
Ihr Wortlaut: „Gründung einer gemeinnützigen Baugenossenschaft bzw. eines Spar- und Bauvereins. Nachdem durch die seitens des Kreisausschusses mehrfach bekannt gemachte Beschlüsse des Kreistages zu Schwelm die Grundlage geschaffen ist, um der vorhandenen und ferner drohenden Wohnungsnoth der Arbeiter und kleinen ‘Handwerker durch Errichtung derartiger Baugenossenschaften oder Vereine zu begegnen. lade ich alle diejenigen, die sich für die Gründung einer solchen Genossenschaft oder eines solchen Vereins interessiren, namentlich aber die Herren Fabrikbesitzer, zu einer Versammlung auf Freitag, den 29. ds. Mts., Abends 8 1/2 Uhr im kleinen Saale des Herrn Otto Wupper ergebenst ein. Bei der großen Wichtigkeit der Angelegenheit darf hl auf eine rege Betheiligung aus den maßgebenden Kreisen gerechnet werden. Gevelsberg, 25. April 1898. Der Bürgermeister: Knippschild.“ (Anmerkung: Bei dem Saal des Herrn Otto Wupper handelte es sich um das „Hotel zur Haufe“ an der Ecke Hagener-/ Bahnhofstraße, später vor allem als „Andreashof“ bekannt.)
Die „Gevelsberger Zeitung“ berichtete in ihrer Ausgabe am 2. Mai über diese erste Zusammenkunft. Danach hatte sich „eine größere Anzahl Herren“ eingefunden.
„Der Herr Bürgermeister eröffnete die Verhandlungen mit einem Hinweis auf die herrschende Wohnungsnoth, die sich in letzter Zeit sehr ernstlich fühlbar gemacht habe, und die Nothwendigkeit der Beschaffung gesunder und billiger Wohnungen für die Arbeiter und kleinen Leute. Wenn verschiedentlich behauptet wurde, daß von einem Nothstande nicht die Rede sein könne, so möge man in einzelnen Stadttheilen nur einmal Umschau halten. Zur Zeit sei es in Folge der Wohnungsnoth unmöglich, weder die Polizeiverordnung des Herrn Regierungspräsidenten über Schließung unvorschriftsmäßiger Wohnungen noch die Ortspolizeiverordnung über das zu frühe Beziehen neuer Häuser durchzuführen. Man könne die Leute nicht auf die Straße setzen; die Stadt müsse dann eintreten. Aber diese habe auch keine Häuser und Wohnungen disponibel und werde im übrigen schon in außerordentlichem Maße für Wohlfahrtszwecke in Anspruch genommen“.
Bürgermeister Fritz Knippschild, der seinen Amtssitz übrigens noch im alten Schiefer-gebäude Wittener Straße 7 hatte (auf dem Grundstück befindet sich heute der Commerzbank-Neubau),schilderte die herrschenden Zustände also äußerst drastisch. Der einzig gangbare Weg, um Wandel zu schaffen und bessere Zukunftschancen zu eröffnen, sei die Bildung einer Baugenossenschaft, steckte er das Ziel ab. Ein Teilnehmer wies in der Diskussion darauf hin, dass bereits der hiesige Hirsch-Dunckersche Gewerbeverein einen Bau- und Sparverein gegründet habe. Sein Vorschlag, sich allgemein diesem anzuschließen, fand keine Gegenliebe.
Alle Anwesenden erklärten sich letztlich schriftlich bereit, einem Bau- und Sparverein nach der offiziellen Gründung als Mitglieder beizutreten. Sie wählten einen provisorischen Vorstand: Bürgermeister Knippschild, Pastor Gravemann, Carl Wilhelm Schürhoff, Hermann Huth, Gustav Magney und Chr. Zimmermann.
Bereits am 4. Mai trafen sich die sechs Vorstandsmitglieder zu einer ersten Sitzung. Es ging darum, „Statuten zu berathen, über die Gewinnung weiterer Mitglieder zu sprechen und etwa nothwendige statistische Erhebungen zu beschließen“. Dabei interessierte vor allem, wieviele in Gevelsberg beschäftigte, aber auswärts wohnende Arbeiter bereit seien, ihren Wohnsitz nach hier zu verlegen.
13. Mai 1898 als Gründungstag festgesetzt
Auch über weitere vorbereitende Sitzungen zur Gründung eines „Bau- und Sparvereins zu Gevelsberg“ liegen Niederschriften leider nicht vor. So muss wieder auf die „Gevelsberger Zeitung“ zurückgegriffen werden. In der Ausgabe 16. Mai 1898 hieß es:
„Am Freitagabend, 13. Mai, tagte im Lokale des Herrn Fritz Brockhaus eine Vorstandssitzung des hiesigen Bau- und Sparvereins, in welcher das Statut festgestellt wurde. Dasselbe wird im Druck den Herren Fabrikanten und anderen sich für die Sache interessierenden Personen zur Orientierung zugestellt werden. In einer demnächst einzuberufenden öffentlichen Versammlung wird die endgültige Gründung des Vereins beschlossen werden. Zunächst sollen, um den dringendsten Bedürfnissen abzuhelfen, neue größere Häuser jedoch mit vollständig getrennten Wohnungen, gebaut werden. Für später kann die Errichtung von kleineren Häusern in Erwägung gezogen werden. Bis jetzt sind bereits von einzelnen Personen 6000 Mark für diese schöne Sache gezeichnet worden“. (Damit es eine weite Verbreitung erreichte, wurde das gedruckte Statut einer Tagesausgabe der Gevelsberger Zeitung beigelegt.)
Wegen der erfolgten Feststellung der Statuten (Satzung) setzten die Altvorderen unserer Genossenschaft diesen 13. Mai 1898 als Gründungstag des „Bau- und Sparvereins zu Gevelsberg“ fest. An diesem Tag wurde 1973 - es war ein Sonntag - mit einem Festakt in der Aula des Schulzentrums Alte Geer auch das 75jährige Bestehen gefeiert.
Konstituierende Versammlung am 24. Mai 1898
Die Konstituierung der Genossenschaft fand am 24. Mai 1898 statt. Tags zuvor, am 23. Mai, hieß es in einer von Bürgermeister Knippschild unterzeichneten Veröffentlichung: „Die von der ersten Versammlung gewählte Commission zur Berathung eines Statuts hat die Aufgabe vollendet. Die endgültige Constituierung des Vereins soll nunmehr stattfinden. Zu diesem Zweck werden einer Versammlung auf Dienstag, den 24. ds. Mts., Abends 8 ½ Uhr, im Gasthof „Zur Haufe“ (Otto Wupper) hiermit ergebenst eingeladen. Bei der großen Wichtigkeit der Sache darf auf eine Betheiligung aus allen Kreisen der Bürgerschaft wohl mit Sicherheit gerechnet werden“.
Infolge fehlender Unterlagen ist auch die Zahl der teilnehmenden Mitglieder nicht bekannt. Fest steht aber, dass mit dem „Bau- und Sparverein zu Gevelsberg“ die 19. Wohnungsgenossenschaft im westfälisch-lippischen Raum ins Leben gerufen wurde. Und es wird als erfreulich vermerkt, dass nicht nur Personen das junge Unternehmen stützten, die direkt oder indirekt für den Bau von Arbeiterwohnungen Interesse bekundeten, sondern darüber hinaus weite Kreise der Bevölkerung bereit waren, mitzuarbeiten und das Genossenschaftswesen zu fördern. Zu dieser Zeit waren schon 110 Geschäftsanteile gezeichnet.
Mit Datum 15. Oktober 1898 erfolgte die Eintragung der jungen Genossenschaft in das Register beim Königlichen Amtsgericht Schwelm. Der Vorstand meldete 60 Mitglieder an. Die privaten Hausbesitzer unserer Stadt hatten sich bereits im März 1895 zu einem „Haus- und Grundbesitzerverein“ zusammengeschlossen.
Erste Generalversammlung: Vorstand und Aufsichtsrat gewählt
Protokollarische Aufzeichnungen liegen ab der ersten Mitgliederversammlung des Bau- und Sparvereins zu Gevelsberg, eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht“, am 31.Juli 1898 vor.41 Mitglieder, namentlich aufgeführt, nahmen teil. Unter anderem so bekannte Gevelsberger wie Bürgermeister Fritz Knippschild, Bergassessor Hermann Huth von der Firma Bovermann Nachfolger (Hammerstraße), 0. Drevermann von der Firma Hasenclever & Sohn am Poeten, H. Schürhoff von der Hauerfabrik Gebr. Schürhoff am Lusebrink, H.Vorlaender von der Firma Köllmann &Vorlaender (Rosendahler Straße) oder SparkassenRendant Diedrich Hülsenbeck. Durch Zuruf wurden gewählt: Als Aufsichtsratsmitglieder Bürgermeister Knippschild, Ed. Dörken sen., Gustav Magney Pastor Gravemann, W. Krefft, Eduard Wendt, A. Rutenkolk, R. Backhaus und H. Schmidt. Für den Vorstand: Hermann Huth Ad. Köllmann, Christian Querl, Reinhard Drevermann, Diedrich Hülsenbeck und Christian Zimmermann. Dann gab es noch ein Schiedsgericht, das sich aus drei Mitgliedern zusammensetzte: Carl Albers, Th. Burcheister, C.Wehdeking. Stellvertreter J. Graefer jun., FLock jun., Lehrer H.Woestehoff.
Zu einer ersten gemeinsamen Sitzung trafen sich die Mitglieder der Verwaltungsorgane am 3.August 1898. Bis auf Hermann Huth waren alle anwesend. Laut Protokoll wählte zunächst der Aufsichtsrat Bürgermeister Knippschild zu seinem Vorsitzenden und Eduard Dörken sen. zu dessen Stellvertreter sowie Gustav Magney zum Schriftführer (Vertreter Rich. Backhaus). Der Aufsichtsrat bestimmte daraufhin den Vorstand: Vorsitzender Bergassessor Huth‘ Stellvertreter Ad. Köllmann, Kassierer D. Hülsenbeck, Schriftführer R. Drevermann.
„Instruktionen“ für den Vorstand
Die Genossenschaft hatte sich konstituiert, die Organe waren gewählt. Jetzt hieß es, an die Arbeit zu gehen und das umzusetzen, was man sich zum Ziel gesetzt hatte: Auf gemeinnütziger Grundlage und ohne Gewinnabsicht gute Wohnungen zu bauen und so der allgemeinen Not entgegenzuwirken.
Im Gründungsjahr fanden noch sieben Sitzungen statt, dreimal tagten Vorstand und Aufsichtsrat gemeinsam. Am 18. November 1898 standen unter anderem auf der Tagesordnung: Erteilung von Instruktionen für den Vorstand seitens des Aufsichtsrates sowie Festsetzung des Beginns des ersten Geschäftsjahres.
Danach hatte der Vorstand Verhandlungen zum Erwerb von Grundstücken zu führen und, vorbehaltlich der Genehmigung durch den Aufsichtsrat, die notwendigen Kaufverträge abzuschließen. Außerdem wurde der Vorstand beauftragt, Kostenvoranschläge für Bauprojekte vorzubereiten, den jeweiligen Bau nach bestem Ermessen zu vergeben, die Bauausführung zu beaufsichtigen sowie einen verfügbaren Kassenbestand von über 300 Mark bei der Sparkasse in Gevelsberg anzulegen.
Es erfolgte dann auch - bei einem Kassenbestand von 952 Mark - eine erste Überweisung in Höhe von 900 Mark. Der Vorstand wiederum beschloss, „dreimal eine Annonce in die Gevelsberger Zeitung einrücken zu lassen, um eine größere Auswahl von Offerten zu erhalten“. Man begab sich also gleich auf Grundstückssuche. Das erste Geschäftsjahr begann am 1.August und endete am 31.Dezember 1898. Erfreulich, dass neue Mitglieder der Genossenschaft beitraten. Allein im November waren es 15. Die Bilanz der Gewinn- und Verlustrechnung per 31. Dezember 1898, von Kassierer Diedrich Hülsenbeck aufgestellt, wies an Aktiva 3989 Mark aus. Die Ausgaben beliefen sich auf 101,20 Mark. 15 Pfennig waren für das Sparbuch, 10 Pfennig für Porto aufgewendet worden. Die ersten Grundstücke erworben
Noch bevor das Jahr 1898 abgeschlossen wurde, befasste sich der Vorstand am 29. November mit 31 eingegangenen Offerten, von denen 11 in die engere Wahl genommen wurden. Bei der vorgenommenen Besichtigung achtete man jeweils besonders darauf, dass sich die Grundstücke „zum Bebauen mit Doppelhäusern mit für jede Familie zugehörigem Garten eignen“. In der Sitzung am 9. Dezember beschlossen die Vorstandsmitglieder Huth, Köllmann, Hülsenbeck, Zimmermann, Querl und Drevermann, vier Grundstücke durch den Bausachverständigen Sander in Hagen „darauf untersuchen zu lassen, welche sich am besten zum Bebauen eignen“. Das über diese Sitzung angefertigte Protokoll vermerkt unter den Offerten: „Das der Concursmasse Hünninghaus gehörige Grundstück, direct an dem früheren Schultenschen Comptoir gelegen, sowie Grundstücke von W. Breddermann, W. Schönlau und von Schlieper, an der Bambergschen Besitzung grenzend“. Nähere Ortsbezeichnungen sind leider nicht angeführt. Jedoch ist unschwer festzustellen, daß sich das Grundstück von Hünninghaus auf Frielinghausen befand. Das schmucke Schieferhaus Heideschulstraße 44, das einst der Gevelsberger Industriepionier Clemens Bertram erbaute, wurde seinerzeit von dem Mitinhaber der Hauerfabrik Schulte & Lange (Im Kipp), Schulte, bewohnt. Er hatte dort auch ein Büro.
Die erste wichtige Entscheidung fiel dann in der gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat am 21. Dezember 1898, wenige Tage vor Weihnachten. Laut Protokoll wurde beschlossen, „das von dem Concursverwalter Graefer unter Vorbehalt der Zustimmung des Concursrathes offerierte zu Frielinghausen direct an dem Schultenschen Comptoir gelegene Grundstück, das eine Tiefe von 80 mtr und eine Größe von 45 bis 50 are haben soll, zum Preise von Mk. 100,- je are anzukaufen. Gleichfalls das Grundstück von W. Schönlau, direct an der Berg.-Märk. Eisenbahn und der Bredderstraße gelegen, in der Größe von 8 bis 10 Sechzig, zum Preise von Mk. 375,- je Sechzig“ (Zur Erklärung: Ein Sechzig umfasste 285 Quadratmeter.)
Offerten über dem Kostenvoranschlag
Der Aufsichtsrat ermächtigte nun den Vorstand, von Herrn Baumeister Sander Pläne für ein zwei- und ein zweieinhalbstöckiges Gebäude anfertigen zu lassen. Diese lagen in der ersten Vorstandssitzung des neuen Jahres, am 7. März vor. Der Vorstand entschied sich für den Bautyp der 2-stöckigen Gebäude, weil, wie in der Niederschrift vermerkt ist, „die zweistöckigen Häuser einen unverhältnismäßigen höheren Kostenaufwand erfordern“. In dieser Sitzung wurde die Stadt Gevelsberg als Genosse in den Bau- und Sparverein Gevelsberg aufgenommen. Einen Monat später auch der Kreis Schwelm. Die Ausschreibung der Arbeiten erfolgte durch Anzeigen in der Gevelsberger Zeitung, Schwelmer Zeitung und Hagener Zeitung. Drei Gevelsberger Firmen und ein Unternehmen aus Schwelm reichten Angebote ein. Dann die Ernüchterung: Ihre Preise für eine Doppelhaushälfte bewegten sich zwischen 9.374 und 10.000 Mark und lagen damit deutlich über dem Kostenvoranschlag. Eine Entscheidung wurde deswegen zunächst vertagt. Den Mut ließ man in Anbetracht der großen Bedeutung der gestellten Aufgabe dennoch nicht sinken. Der Vorstand beauftragte nun den Baumeister Albert Winter, Barmen, einen Kostenvoranschlag für ein 1 ½ -stöckiges Haus anzufertigen. Nach dessen Berechnungen müsste es für 3000 Mark zu errichten sein. Die vier Bauunternehmer, die bereits ihre Angebote abgegeben hatten, wurden daraufhin gebeten, eine neue Offerte vorzulegen.
Baufirma Gustav Pickhardt erhielt Zuschlag
Die Ergebnisse befriedigten, und da nach Meinung aller Vorstandsmitglieder „ein so günstiges Resultat“ erzielt worden war, wurde beschlossen, „das Project Winter den nun zu erbauenden Häusern zu Grunde zu legen“. Der Barmer Baumeister wurde mit der Bauleitung beauftragt. Der Vorstand sprach sich auch für eine Unterkellerung aller Häuser, die nur zum Teil vorgesehen war, sowie für Aborte in den Stallgebäuden aus. In der Gevelsberger Zeitung wurde dann veröffentlicht, dass die Baupläne fertig seien und sich interessierte wohnungssuchende Mitglieder bis zum 25April 1899 melden sollten. Die Miete setzte der Vorstand auf jährlich 200 Mark je Wohnung fest. Das waren etwas mehr als 16 Mark pro Monat! Mit dem Bauunternehmer Gustav Pickhardt trafen die Herren Huth und R. Drevermann folgende Vereinbarung: „Der Bauverein überträgt und Pickhardt übernimmt den Bau von vier Häusern, nach Wahl des Bauvereins in Gevelsberg und Vogelsang, oder in Gevelsberg allein gelegen, nach dem Plane von Herrn Albert Winter in Barmen, auf Grund der von Pickhardt eingereichten Offerte vom 15.April 1899“. Auf die in der Gevelsberger Zeitung veröffentlichte Anzeige meldeten sich zehn Mitglieder und drei weitere Personen, die zugleich als Genossen aufgenommen werden wollten, als Bewerber für eine Wohnung. Der Vorstand stimmte zu. Elf von ihnen wollten in Gevelsberg wohnen, zwei in Vogelsang. Infolgedessen beschloss der Vorstand einstimmig, drei Häuser in Gevelsberg und ein Haus in Vogelsang zu bauen.
Miet- und Kaufvertrag festgesetzt
Bevor überhaupt eine Wohnung fertiggestellt war, legte der Vorstand bereits Entwürfe für einen Miet- sowie einen Kaufvertrag vor. Dabei ist davon auszugehen, dass die geplanten Häuser nicht nur vermietet, sondern auch verkauft werden sollten. In einer gemeinsamen Sitzung mit dem Aufsichtsrat am 26.April 1899 wurde den Verträgen zugestimmt. Der Mietvertrag beinhaltete elf Paragraphen. § 1 setzte fest: „Der Bau- und Sparverein vermiethet Herrn .... das aus Küche, 2 Zimmern und Mansardenzimmern sowie 2 Kellerräumen bestehende Viertelhaus in Gevelsberg Straße Nr. .... gelegen, einschließlich des zugehörigen Gartenlandes nebst Stall und Abort zum sächlichen Mietpreis von .... Mark“. Wer sprach damals schon von einem Bad oder einem WC? Die Miete musste in vierteljährlichen Raten gezahlt werden.
Unter § 3 hieß es: „Anmiether muß eine Wohnung in dem ihm vermietheten Hause selbst bewohnen. Er kann jedoch die von ihm selbst nicht benutzten Räume anderweitig vermiethen, und zwar zunächst an Genossen. Wenn solche nicht vorhanden sind, auch an Andere. Der Miether hat dem Bau- und Sparverein seine Untermiether namhaft zu machen...“ Ein Gewerbe oder eine Schankwirtschaft durften die Mieter nicht betreiben. Ebenso war es ihnen untersagt, geistige Getränke zu verkaufen. Sonst konnte ihnen sofort gekündigt werden. Mit einer Kündigung musste auch rechnen, wer durch seinen Lebenswandel Ärgernisse erregte. „Beim Halten von Kost- oder Quartiergängern sind die polizeilichen Bestimmungen streng zu beachten“. § 7 sagte aus: „Anmiether entnimmt das Wasser für seinen Hausbedarf der Gevelsberger städtischen Wasserleitung zu den dafür festgesetzten Bedingungen. Den Wasserzins im Betrage von 7,50 Mk. pro Jahr und Wohnung hat er in vierteljährlichen Rathen an die Kasse des Bau- und Sparvereins zu zahlen“. Da ist anzumerken, dass die Stadt Gevelsberg das Wasser aus der 1896 fertiggestellten Heilenbecke-Talsperre an deren Bau sie sich finanziell beteiligt hatte, bezog. Die Ennepetalsperre gab es noch nicht. Diese wurde erst 1905 in Betrieb genommen. Immerhin sagt dieser Passus im Mietvertrag aus, dass die Mieter der ersten Häuser ihr Trink- und Gebrauchswasser nicht aus Brunnen schöpfen mussten. Die Kosten des Vertrages trug der Mieter. Der Vorstand behielt sich das Recht vor, die Wohnungen jederzeit zu kontrollieren.
Im Kaufvertrag war festgelegt, dass die „Auflassung“ erst dann erfolgt, „wenn ein Drittel des Kaufpreises abgetragen ist und drei Jahre seit dem Antreten des Hauses durch den Erwerber verstrichen sind. Bis zur Auflassung ist der Erwerber als Miether zu betrachten“. Wie schon bei den Mietern festgelegt, durften auch die Erwerber in ihrem Haus kein Gewerbe betreiben oder Räume für ein Gewerbe vermieten. (Es ist allerdings nie ein Haus aus der Gründerzeit veräußert worden.)
Dividende nicht mehr als vier Prozent
23 Genossen besuchten die ordentliche Generalversammlung am 29.April 1899. Mit den von Vorstand und Aufsichtsrat erstatteten Berichten waren sie zufrieden. Für das verstorbene Aufsichtsratsmitglied Gustav Magney rückte H. Diz nach. Er übernahm die Aufgaben des Schriftführers. Im Schiedsgericht ersetzte Carl Wilh. Schürhoff den ebenfalls verstorbenen Carl Albers. Das Los ermittelte drei auszuscheidende Aufsichtsratsmitglieder. Es traf Ed. Dörken, Pastor Gravemann und Aug. Rutenkolk. Durch Zuruf wurden alle wiedergewählt.
Auch das gab es: Da sie weder das Einschreibegeld noch ihren Beitrag bezahlt hatten, wurden einige Mitglieder aus der Genossenschaft ausgeschlossen. Unter mehreren Neuaufnahmen befand sich die Firma Stockey & Schmitz. Bereits am 13. Mai fand eine weitere Generalversammlung statt. Es ging lediglich um eine Satzungs-Ergänzung, wonach die Dividende nicht mehr als vier Prozent betragen soll. Nur 14 Genossen nahmen teil. An mangelndem Besuch und damit verbundener Beschlussunfähigkeit scheiterte auch die eine oder andere angesetzte gemeinsame Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat. Dass es da Arger und Verstimmungen gab, ist verständlich. Beim Bürgermeisteramt bzw. bei der Stadtvertretung wurde beantragt, dem Bau- und Sparverein die städtischen Abgaben zu erlassen.
Weitere Neubauten geplant
In welchem Monat des Jahres 1899 die ersten vier Häuser auf der Heide und an der Bredderstraße bezogen wurden, ist protokollarisch nicht vermerkt. In seiner Sitzung am 26. Februar 1900 beschloss der Vorstand, den Weg zur Bredderstraße ausbauen zu lassen, „damit die Mieter ihre Gärten in Ordnung bringen können“. Außerdem wurde festgelegt, die Gärten auf der Heide und an der Bredderstraße mit einem Drahtzaun einzufriedigen.
Der Kreistag übernahm die Garantie für die Aufnahme eines Darlehens in Höhe von 50.000 Mark. Der Vorstand war sich daraufhin einig, „dass mindestens noch zwei weitere Häuser nach Art der im vorigen Jahr erbauten gebaut werden sollen“. Der Kreistag wurde gebeten, für ein weiteres Darlehen von 15.000 bis 18.000 Mark ebenfalls die Garantie zu übernehmen. Die Absicht, sowohl auf der Heide als auch an der Bredderstraße weitere Häuser zu errichten, gab man über eine Anzeige in der Gevelsberger Zeitung bekannt. Danach sollten sich Interessenten bis zum 31.März 1900 in die Erwerberliste eintragen.
Der Aufsichtsrat stimmte dem Bau von zwei neuen Häusern im Jahr 1899 zu. Es sollten dann jedoch keine Ställe errichtet werden. Neuer Mietzins: Für eine Wohnung mit Stall 220 Mk., ohne Stall 205 Mk.
45 Genossen verzichteten auf Dividende
Wahlen standen in der ordentlichen Generalversammlung von 21. April 1900 an. Wieder wurden drei ausscheidende Aufsichtsratsmitglieder ausgelost: Wilh. Krefft, Ed. Wendt und Bürgermeister Fr. Knippschild. Lediglich Ed. Wendt erhielt erneut das Vertrauen. Neue Aufsichtsratsmitglieder Hermann Schübbe und Hermann Dahlmann. Letzterer nun auch Vorsitzender dieses Gremiums. Vorstandsvorsitzender Herrn. Huth berichtete über einen Gewinn von 450,32 Mk. und schlug die Ausschüttung einer Dividende in Höhe von 3,5 Prozent vor. Erfreut wurde zur Kenntnis genommen, dass 45 Genossen mit Geschäftsanteilen von 21.945,- Mk. für das Jahr 1899 auf eine Dividende verzichteten. Die Bilanz des Geschäftsjahres lag bei Kassierer D. Hülsenbeck für alle Genossen zur Einsicht aus. Da zu den Häusern auf der Heide verschiedene Mängel zur Sprache kamen, beauftragte der Vorstand Chr. Zimmermann und Ed. Wendt, diese zu überprüfen. Danach wurde beschlossen, „die Wände über den Spülsteinen mit Zinkblech einzufassen und die Keller durch Auftragen einer Cementschicht zu verbessern“.
In einer weiteren Generalversammlung am 30.April konnte dann endlich, nach vorherigen vergeblichen Anläufen, die Satzung ergänzt werden. Des öfteren war es nämlich vorgekommen, dass der Aufsichtsrat wegen Fehlens von Mitgliedern nicht beschlussfähig war. Deshalb erhielt § 21 folgenden Zusatz: „Wird in Folge Beschlußunfähigkeit die Einberufung einer zweiten Sitzung des Aufsichtsrates notwendig, so ist diese ohne Rücksicht auf die Zahl der Erschienenen beschlußfähig. Bei der Einladung zur zweiten Sitzung ist hierauf ausdrücklich hinzuweisen“. Diese Festlegung war zugleich für gemeinsame Sitzungen von Aufsichtsrat und Vorstand gültig. Es konnte nun flexibler gearbeitet und schneller entschieden werden.
Wohnungen mit Garten bevorzugt
Anfang des Jahres 1901 trat der Vorstand dem Gedanken näher, nun auch ein Haus in der Mittelstadt zu errichten. Uber die Gevelsberger Zeitung wurde nach Grundstükken gesucht. Nach Eingang mehrerer Offerten kam man überein, „zwei an der Kölner Straße gelegene Grundstücke, der Witwe Hülsenbeck und Ferd. Hülsenbeck gehörend, in die engere Wahl zu nehmen“. In ihrer Sitzung am 9.April 1901 beschlossen Aufsichtsrat und Vorstand den Erwerb des Grundstückes der Witwe Hülsenbeck in einer Größe von 6,5 bis 7 Sechzig zum Gesamtpreis von 9.000 Mk. Das Grundstück grenzte an die am Brüggerfeld ausgebaute neue Straße.
Nach Aussagen des Landrats bestand „begründete Aussicht“, dass der Kreis die Garantie für ein weiteres Darlehen in Höhe von 35.000 Mk. übernehmen werde. Es war vorgesehen, das geplante Haus bereits zum 1. November 1901 bezugsfertig zu haben. Jedoch ergaben sich Zweifel, denn die erworbene Fläche lag im „Überschwemmungsgebiet“ der Ennepe. Der Vorstand wandte sich deshalb an die Regierung in Münster. Überdies war eine Mehrheit in der Generalversammlung der Ansicht, dass Häuser mit Garten an der Peripherie gegenüber Neubauten ohne Garten im Mittelpunkt der Stadt vorzuziehen seien. Zur endgültigen Klärung der Frage wurde für den 15. Mai 1901 extra eine außerordentliche Generalversammlung einberufen. Das Abstimmungsergebnis von 32 6 Stimmen ergab, „daß prinzipiell Wohnungen mehr im Umkreise, und zwar mit zugehörigem Garten, errichtet werden sollen“. Dennoch wurde beschlossen, nach den erfolgten Veröffentlichungen auch die beabsichtigten Neubauten in der Innenstadt zu errichten. Erwähnenswert, dass bei dieser Generalversammlung erstmals die Presse zugegen war. Einem Vertreter des „Schwelmer Tageblatt“ wurde gestattet, in seiner Zeitung über die Versammlung zu berichten. Jedoch lediglich unter der Bedingung, „daß dem Vorstand des Bau- und Sparvereins vor der Drucklegung ein Correcturbogen vorzulegen sei“. Ob der Zeitungsvertreter die Bedingung akzeptierte und ein Bericht im „Schwelmer Tageblatt“ erschien, ist nicht vermerkt.
An Arbeit und Aufgaben mangelte es nicht
Nahezu in jedem Monat fanden in jener Zeit vor allem Sitzungen des Vorstandes statt. Da ging es unter anderem darum, ob einem Mieter der Umzug von einem Haus auf der Heide in ein anderes gestattet werden sollte, es wurde laufend über Anträge von Personen zur Aufnahme in die Genossenschaft entschieden, ferner Beschlüsse zum Ausschluss von Mitgliedern gefasst, weil diese zahlungssäumig waren. Man hatte sich mit Kündigungen auseinanderzusetzen, oder es mussten Maßnahmen zur Beseitigung von aufgetretenen Mängeln eingeleitet werden. Zudem ging es darum, neue Grundstücke zu suchen, Offerten zu sondieren und schließlich Bauland zu erwerben. Regelmäßig fanden Beratungsgespräche mit Architekten, vor allem Baumeister Winter, und dem Stadtbau meister, Herrn Zintgraf, statt. Die örtliche Polizei verlangte, die vorhandenen Ställe mit wasserdichten Düngergruben zu versehen. An Arbeit und zu erledigenden Aufgaben mangelte es nicht. Selbst mit einem anonymen Brief hatte sich der Vorstand zu befassen. Danach war in der Nacht des zweiten Weihnachtsfeiertages (1902) in einem Haus auf der Heide „ein erheblicher ruhestörender Lärm verübt und durch weiteres wüstes Lärmen auf der Straße und durch lautes Ausrufen schmutziger Redensarten öffentliches Ärgerniß erregt worden“. Vorstandsvorsitzender Herrn. Huth wurde in seiner Wohnung sogar von der Frau eines Genossen mit unflätigen Worten „schwer beleidigt“. Da deren Mann als Mitglied der Genossenschaft nicht bereit war, die Beleidigung zurückzunehmen und sich zu entschuldigen, wurde er aus dem Bau- und Sparverein ausgeschlossen.
Ein Haus kostete 15.000 Mark
Die Chronik unserer Genossenschaft vermerkt, dass bis zum Jahr 1902 auf der Heide (Heideschul- und Asternstraße) 16 sowie an der Bredderbruchstraße 17 Wohnungen fertiggestellt waren. Wurde allerdings eine Wohnung frei, war es schwierig, neue Bewerber zu finden. So blieb eine Wohnung im Bredderbruch vorübergehend leer. Der Vorstand beschloss deshalb, „unter diesen veränderten Verhältnissen im Jahre 1902 von der Errichtung von Neubauten Abstand zu nehmen“. Mit den „veränderten Verhältnissen“ befaßten sich auch Vorstand und Aufsichtsrat in einer gemeinsamen Sitzung am 4.April 1902. Da kam man dann einstimmig überein, ein auf der Bredde geplantes Haus doch zu bauen. Obwohl von drei Interessenten zwei wieder zurückgetreten waren. Zur Finanzierung wurde beim Landrat ein weiteres Darlehen in Höhe von 30.000 Mark beantragt. Die Bewilligung durch den Kreisausschuss erfolgte prompt. Zur Ausführung des Neubaues meldeten sich vier Bauunternehmen, den Zuschlag erhielt die Firma Gustav Pickhardt. Deren Gebot belief sich für das Wohnhaus und zwei Stallgebäude auf 15.032,35 Mark. Die anderen Firmen waren teurer. Bereits zum 1. November konnte der Neubau vermietet werden. Der Vorstand beantragte beim städtischen Wasserwerk die Verlegung einer Wasserleitung zur Bredde, „ausgehend von dem Gesichtspunkt, daß den Miethern unter allen Umständen gesundes Trinkwasser geboten werden muß“. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass einige Abortgruben undicht waren und dadurch die vorhandenen Brunnen verunreinigt wurden. Einer Gesundheitsgefahr wollte man sich nicht aussetzen.
Die Bilanz des Jahres 1902 schloss mit einem Reingewinn von 1286,18 Mk. ab. Den Straßennamen „Bredderbruchstraße“ setzte die Stadtverordnetenversammlung am 1.April 1911 in Kraft. Ein Vorschlag hatte „Eisenstraße“ gelautet. Ebenfalls seit dem 1.April 1911 gibt es die Bezeichnung „Uferstraße“ — in Erinnerung an den alten Brahmshof sollte sie ursprünglich „Brahmstraße“ heißen.
1903 an der Waldstraße
Straßenbezeichnungen, wie wir sie heute kennen, gab es damals in Gevelsberg noch nicht überall. Auf der Heide war bereits 1883 eine dreiklassige Schule errichtet worden, aber der Straßenname Heideschulstraße trat erst später auf. „Heide“ ist unbebautes Land, schrieb einmal der frühere Heimatkundler und Gründer des Stadtarchivs, Dr. Bruno Zierenberg. Dass sich das änderte, dazu trug der Bau- und Sparverein nicht unwesentlich bei. Auch die Waldstraße hatte ihren Namen noch nicht. Es muss sich aber um ein Gelände an der Waldstraße gehandelt haben, das laut Protokollvermerk von Herrn R. Holtschmidt angeboten und schließlich erworben wurde. Denn es war vorher auch mit der Eisenbahn verhandelt worden. Ebenfalls ist von der Bedingung zu lesen, dass die Stadt den von der Hagener Straße zum Grundstück führenden Weg übernimmt. Es könnte sich um die Friedhofstraße gehandelt haben.
In gemeinsamer Sitzung mit dem Aufsichtsrat am 27. März 1903 beantragte der Vorstand, die geplanten Neubauten in folgender Ausführung zu errichten: Zweistöckige Doppelhäuser, massiv, 3 Zimmer für jede Etage, Abort im Hause, ein Eingang zum gemeinschaftlichen Treppenhaus mit abgeschlossenen Etagen. Der Aufsichtsrat stimmte zu. Fünf Interessenten, die sich meldeten, wünschten auch einen Stall-Anbau. Das städtische Elektrizitäts- und Wasserwerk teilte mit, dass die Verlegung einer Wasserleitung von der Hagener Straße bis zu den Häusern an der bergisch-märkischen Bahn ca. 2200 Mk. kosten werde. Am 27.April 1903 beschloss der Vorstand, die Leitung verlegen zu lassen und sofort mit dem Bau je eines 4-Familien- und 2-Familienhauses zu beginnen. Den Bau der beiden Häuser übertrug der Vorstand dem Gevelsberger Bauunternehmer Heinr. Wolfslast. Auch an die Anlegung einer „lebenden Hecke“ von 150 m Länge wurde bereits gedacht. Zur Auftragsvergabe musste das Los entscheiden, da Heinr. Overkott und Oswald Röder die gleichen Offerten eingereicht hatten. Es entschied für Oswald Röder. Ausführung „mit gespaltenem Holz“. Weil sich einige Mieter Hühner anschafften, taufte der Volksmund die neue Siedlung an der Waldstraße „Hühnerburg“. Die Generalversammlung am 25. April 1903, zu der nur zehn Genossen erschienen waren, fand nicht bei Wupper in der Haufe, sondern erstmals in der Gast-stätte von Daniel vom Bruch statt. (Später „Westfälischer Hof“ heute Betten- und Gardinengeschäft Hedtstück.) Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass die Häuser auf der Heide und die angebauten Ställe eines Neuanstrichs bedurften. Nach Prüfung mehrerer eingegangener Offerten erhielt Herr Rich. Hagebölling den Zuschlag, weil er der billigste Anbieter war „und seine Arbeiten nichts zu wünschen übrig lassen“.
116 Mitglieder mit 30.150 Mark Geschäftsanteilen
Anfang des Jahres 1904 wurde bekannt, dass die Firma H. Bovermann Nachf. plante, einen Teil ihres Betriebes nach Westerbauer zu verlegen. Als Folge davon könnte im oberen und mittleren Stadtteil eine Anzahl Arbeiterwohnungen frei werden, meinte man im Vorstand unserer Genossenschaft. Deshalb wurde auf den geplanten Bau von acht weiteren Wohnungen, der schon beschlossen war, vorerst verzichtet.
Im Vorstand ergab sich insofern eine Änderung, als Ad. Köllmann die Aufgaben des Vorsitzenden übernahm, da Herrn. Huth „wegen dringender Geschäfte“ dazu vorübergehend nicht in der Lage war. Erlaubte es ihm die Zeit, nahm er jedoch an den Sitzungen teil. Die Bilanz des Geschäftsjahres 1903 schloss mit einem Gewinn von 1388,04 Mk. ab. Wie im Vorjahr schlugen Vorstand und Aufsichtsrat eine Dividende von 3 ¼ Prozent vor. Die Genossenschaft zählte 116 Mitglieder mit insgesamt 30.150 Mark Geschäftsguthaben. Größerer Nachfrage erfreuten sich vor allem Drei-Zimmer-Wohnungen mit folgender Aufteilung: Küche mit Speisekammer, zwei Wohnräume, Bodenzimmer, Balkon, Kellerraum, Abort und Stall. Die Generalversammlung am 30.April 1904 fand wieder in der Gaststätte von Daniel vom Bruch statt. Die Vorstandsmitglieder wurden für eine Amtszeit von fünf Jahren, bis 1909, gewählt. Beschluss: Der Geschäftsbericht, mit Bilanz und Mitgliederverzeichnis, wird den Genossen in Druckschrift vorgelegt. Unter mehreren Neuanmeldungen zur Aufnahme in die Genossenschaft befanden sich die Fabrikanten Friedr. Brandt und Paul Ferd. Peddinghaus - letzterer hatte im Jahr zuvor den Betrieb an der Haßlinghauser Straße gegründet. Eine Anregung des „Königlichen Landrats“ Harz, der Bau- und Sparverein Gevelsberg solle dem „Verband westfälischer Baugenossenschaften“ beitreten, stellte der Vorstand zunächst zurück. In der Sitzung am 8. September wurde der Beitritt dann aber beschlossen. Von den sich im Bau befindlichen Wohnungen an der Waldstraße waren sieben schon vergeben. Für die achte lagen mehrere Bewerbungen vor. Zur Vergabe musste das Los entscheiden. Beklagt wurde von den Mietern die unterschiedliche Größe der Gärten. Der Vorstand beauftragte die Bauleiter mit einer Nachmessung. Die Evangelische Kirchengemeinde (Pastor Gravemann) bat, den vorhandenen Weg benutzen und einen drei Meter breiten Verbindungsweg zum Friedhof anlegen zu dürfen. Dem Ansinnen wurde zugestimmt. Es war geplant, die Häuser bis zum 1. November bezugsfertig zu haben. Jedoch befand sich Bauunternehmer Wolfslast soweit im Rückstand, dass der Vorstand ihm sogar drohte, die Arbeiten „auf seine Kosten“ anderweitig zu vergeben. Nach Zahlung von 10.000 Mk. und der Ankündigung auf weitere Überweisungen sagte er dann zu, die Bauten „energisch fördern“ zu wollen. Im Juni 1904 ist im „Schiedsmanns-Protokoll“ zu lesen, dass Herr Benjamin N. in aller Form die seinerzeitige Beleidigung zurückgenommen und sich bereit erklärt hat, als Sühne 3 Mk. an die Armen zu zahlen. Zur gleichen Zeit kündigte die Firma Stockey & Schmitz ihre drei Geschäftsanteile. Der Verlust glich sich durch die Aufnahme von Fabrikant Wilh. Schmitz, Hagener Straße 43, wieder aus.
Weiterer Grundstückserwerb
Am 13. Juli 1904 beschlossen Aufsichtsrat und Vorstand einen weiteren Grundstückskauf „an der bergisch-märkischen Eisenbahn in einer Größe von 65,25 are zum Preis von 125 Mk. pro Sechzig“. Gärtner Oswald Röder wurde beauftragt, die Böschung an der Waldstraße abzuflachen und mit Akaziensträuchern zu bepflanzen.
Mit Schreiben vom 20. Februar 1905 lehnte die „Königliche Eisenbahn-Direction“ eine Benutzung des Überganges über die Eisenbahn zu dem an der Waldstraße erworbenen Grundstück ab. Die „Direction“ schlägt stattdessen „die Anlage einer Unterführung, unter Betheiligung der Interessenten an den Kosten“, vor. Infolgedessen beschloss der Vorstand, in diesem Jahr lediglich ein Vierfamilienhaus an der Waldstraße zu bauen, Es lagen auch vier Bewerbungen vor. Vermietung zum 1.November 1905. Bei der Landesversicherungsanstalt wurde ein Darlehen von 20.000 Mk. beantragt. Die Bilanz des Jahres 1904 schloss mit einem Gewinn von 973,99 Mk. ab. Diesmal „nur“ 3 Prozent Dividende. Mittlerweile gehörten 105 Genossen, die 180 Anteile gezeichnet hatten, dem Bau- und Sparverein an. Über die meisten Anteile - jeweils 20 - verfügten die Firma H. Bovermann Nachf. und Fabrikant Wilhelm Krefft. Mit 10 Anteilen folgte die Firma Jellinghaus & Co.
August Schönlau im Aufsichtsrat
Inder Generalversammlung am 30.April 1905 übernahm wieder Assessor 1-luth den Vorsitz. Der Geschäftsbericht lag den Genossen erneut als Druckschrift vor. Neu in den Aufsichtsrat rückte August Schönlau. Sein Name und der seines Sohnes tauchen in dieser Chronik noch des öfteren auf, denn sie avancierten zu den bedeutendsten Männern in unserem Bau- und Sparverein Gevelsberg. Ebenfalls wurden Paul Dörken (für den verstorbenen Eduard Dörken) und der neue Pastor in der Haufe, Heinrich Röttger (für Pastor Gravemann), in den Aufsichtsrat gewählt. Vorsitzender dieses Gremiums weiterhin Hermann Dahlmann, Stellvertreter Paul Dörken, Schriftführer Julius Pilz.
1907 gab es im Vorstand insofern eine Änderung, als der bisherige Kassierer Diedrich Hülsenbeck sein Amt niederlegte. Alle Bemühungen, ihn zum Bleiben zu bewegen, erzielten keine Wirkung. In einer außerordentlichen Generalversammlung am 18. Juli wurde Willy Schübbe einstimmig zu seinem Nachfolger bestimmt.
Im April 1908 beschlossen Aufsichtsrat und Vorstand in einer gemeinsamen Sitzung den Ankauf „von zwanzig Sechzig zum Preise von Mk. 400.- pro Sechzig von der Firma Hasenclever & Sohn von Vogelsang“. (1908 wurde auch die Brücke der Eisenbahnüberführung in der Bredde gebaut.)
Von weiteren angebotenen Grundstücken sollten von A. Schlemmer ein Gelände an der Teichstraße „in der ganzen Front und die Hälfte der Tiefe zum Preise von Mk. 450.— pro Sechzig“ sowie von Casp. Hoppmann (Bahnhof Nord, Königsburg) etwa 30 Sechzig ebenfalls zum Preis von 450.— Mark erworben werden. Beide Gremien waren sich einig, zunächst die Grundstücke in Vogelsang (mit 10 Wohnungen) und am Bahnhof Nord (6) zu bebauen. Die geplante Bebauung am Bahnhof Nord lehnte die städtische Baukommission ab. Sie forderte die Anlegung eines Zufahrtsweges von der Schwenke aus. Um diese Forderung zu erfüllen, hätte es des Ankaufs einer weiteren Parzelle bedurft. (Anmerkung: Möglicherweise sollte schon damals das als „Hoppmanns Wiese“ bekannte Gelände zur Bebauung erschlossen werden.)
Von weiteren Neubauten an der Waldstraße wurde vorerst abgesehen, da einige Wohnungen gekündigt wurden und zur Neubelegung sich nicht genügend Bewerber gemeldet hatten. Bekannt gegeben wurde die Bilanz des Jahres 1907. Der Gewinn belief sich auf 2389,22 Mark.
Kassierer darf besoldet werden
Im April 1908 genehmigten Vorstand und Aufsichtsrat nicht nur den Entwurf eines neuen Mietvertrages, sondern waren sich auch einig, der Generalversammlung die Anstellung einer Hilfskraft, bei einer Entschädigung von 300.— Mk. pro Jahr, vorzuschlagen. Begründung laut Protokollnotiz: „Die Kassenführung, wie die übrigen schriftlichen Arbeiten, haben mittlerweile einen derartigen Umfang angenommen daß man deren Erledigung den Vorstandsmitgliedern nicht mehr zumuten kann“. Die Generalversammlung billigte den Vorschlag. In einer außerordentlichen Generalversammlung am 22.Juli 1908 wurde dann unter § 12 eine Satzungsergänzung be schlossen: Der Kassierer als Vorstandsmitglied darf besoldet werden, die Höhe der Besoldung wird durch die Generalversammlung festgesetzt. Ein Kuriosum ergab sich 1910: Für den 20. Mai war eine außerordentliche Generalversammlung angesetzt, aber von den Genossen „war kein einziger erschienen“. So waren die Mitglieder des Aufsichtsrates und Vorstandes unter sich. Dennoch gab es ein Ergebnis: „Sämtliche Anwesenden stimmten einer Statuten-Anderung zu“.
Neuer Bürgermeister im Aufsichtsrat
Die Bilanz per 31. Dezember 1910 wies einen Gewinn von 4126,06 Mk. aus. Der Vorschlag von Aufsichtsrat und Vorstand auf Auszahlung einer Dividende von 3 ‘2 Prozent wurde von der am 28.April 1911 stattgefundenen Generalversammlung einstimmig gebilligt. Allerdings war der Besuch auch diesmal äußerst schwach: Neben vier Aufsichtsrats- und sechs Vorstandsmitgliedern nahmen lediglich vier Genossen teil. Im Protokoll über eine am 15.April 1912 stattgefundene gemeinsame Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat taucht erstmals der Name des neuen Bürgermeisters Walter Leinberger (seit 1911) auf. Der Nachfolger von Fritz Knippschild bat um Stellungnahme, ob die von unserer Genossenschaft „an der Waldstraße und in der Bredde angelegten Wege Privatwege bleiben oder öffentliche werden sollen“. Der Vorstand: „Die Wege in der Bredde sollen Privatwege bleiben“. In der Generalversammlung am 2. Mai des gleichen Jahres - diesmal waren zwölf Genossen erschienen - wurde der neue Bürgermeister für den zurückgetretenen Paul Dörken einstimmig in den Aufsichtsrat gewählt. Der Kreisausschuss teilte mit, dass der Kreis künftig nur noch eine 15-prozentige Bürgschaft übernehmen werde. Bisher belief sich die Bürgschaft auf 100 Prozent.
Hermann Huth schied aus
Fünfzehn Jahre lang, seit dem Bestehen unserer Genossenschaft, war Bergassessor Hermann Huth Vorsitzender des Vorstandes gewesen. Im Protokoll über die Generalversammlung am 27. März 1913, die beim Gastwirt Ed. Rosendahl stattfand, ist vermerkt: „Da Herr Huth von Gevelsberg verzieht, hat er sich leider veranlaßt gesehen, seinen Posten als Vorsitzender des Vorstandes zum 1.April niederzulegen. Die Versammlung nimmt mit lebhaftem Bedauern Kenntnis von diesem Entschluß und dankt Herrn Huth durch den Mund des Herrn Herrn. Dahlmann in herzlicher Weise für die große Arbeit und Aufopferung, die er dem Verein seit dessen Bestehen gewidmet hat“. Auf Vorschlag des Aufsichtsrates wurde Bürgermeister Walter Leinberger einstimmig zum neuen Vorsitzenden des Vorstandes gewählt. Er schied deshalb aus dem Aufsichtsrat aus. Der somit verwaiste Platz war nach ebenfalls einmütiger Wahl Paul Ferd. Peddinghaus zugedacht worden, jedoch nahm dieser die Wahl nicht an. Im Vorstand ergab sich noch eine weitere Änderung, denn auch Kassierer Carl Lips legte sein Amt zum 1.April nieder. Für ihn sollte auf Wunsch des neuen Vorsitzenden und nach der Wahl durch die Versammlung Aug. Graf nachrücken. (An dieser wichtigen Generalversammlung nahm neben vier Aufsichtsrats- und fünf Vorstandsmitgliedern nur ein Genosse teil.)
Bürgermeister gab Amt wieder ab
Nur eine Woche später der Knaller: Die Stadtverordnetenversammlung versagte der Wahl von Aug. Graf zum Kassierer des Bau- und Sparvereins die Genehmigung. (Obwohl nicht angegeben, ist anzunehmen, dass Herr Aug. Graf bei der Stadtverwaltung tätig war.) Bürgermeister Walter Leinberger sah sich „deshalb veranlaßt, den Posten als Vorsitzender nicht zu übernehmen“. Das teilte er Aufsichtsrat und Vorstand in der Sitzung am 3.April 1913 mit. In einer außerordentlichen Generalversammlung mussten also zwei neue Vorstandsmitglieder gewählt werden. Ebenso standen zwei Ersatzwahlen für den Aufsichtsrat auf der Tagesordnung, denn inzwischen hatte Herrn. Krenzer sein Amt abgegeben. Diese fand am 18.April 1913 statt. Wieder war neben Aufsichtsrat und Vorstand nur ein Genosse erschienen. Neuer Vorstandsvorsitzender wurde Reichsbankvorstand Gust. Rehling, neuer Kassierer Wilh. Rüping. Die Wahlzeit setzte man jeweils bis 1916 fest. Da Bürgermeister Walter Leinberger nun nicht mehr Vorstandsmitglied war, kehrte er für Paul Ferd. Peddinghaus in den Aufsichtsrat zurück. Emil Flüs ersetzte den ausgeschiedenen Herm. Krenzer.
Die nächste Überraschung
In neuer Zusammensetzung tagten Aufsichtsrat und Vorstand erstmals gemeinsam am 29. Mai 1913. Da gab es dann die nächste Überraschung: Herr Rehling wurde von hier versetzt und konnte sein Amt als Vorsitzender des Bau- und Sparvereins nicht ausüben. Mit der Wahl eines neuen Vorstandsmitgliedes als einzigem Tagesordnungspunkt wurde deshalb für den 7. Juni eine außerordentliche Generalversammlung einberufen. Über deren Verlauf fehlt eine Protokolleintragung. Somit ist auch nicht bekannt, wer als neuer Vorsitzender des Vorstandes das Vertrauen erhielt. Die Bilanz per 31. Dezember 1914 wurde von den Vorstandsmitgliedern Adolf Köllmann und Reinhard Drevermann unterzeichnet. Im letzten Friedensjahr - am 1.August 1914 brach der 1.Weltkrieg aus - zählten 123 Mitglieder mit 210 Anteilen zur Genossenschaft. Anteilsumme 31.500 Mark. Die Bilanz schloss in Aktiva und Passiva mit 432.606,99 Mark ab.
Bisher 26 Häuser mit 78 Wohnungen
Der Bau- und Sparverein verfügte über Grundstücke und Gebäude an der Heideschul-, Bredderbruch-, Wald-, Bredde- und Teichstraße. Die ersten Mietwohnungen überhaupt waren, wie erwähnt, an der Heideschul- und Bredderbruchstraße errichtet worden. Insgesamt 28. In den Jahren 1903 bis 1907 folgten 24 an der Waldstraße, 1908/09 weitere 14 an der Breddestraße, schließlich noch 12 Wohnungen in den Jahren 1909/10 an der Teichstraße mit den Hausnummern 26 bis 36. Andere erworbene Grundstücke wie an der Ennepe oder auf Hopprnanns Wiese blieben unbebaut. Was erreicht wurde, erfüllte Vorstand und Aufsichtsrat, aber auch die Mitglieder, mit Stolz. Das großzügige Bauprogramm ermöglichte vor allem minderbemittelten Familien ein eigenes Heim, das durch Gärten und Stallungen für Kleinvieh den Bedürfnissen der Bewohner Rechnung trug.
Der 1.Weltkrieg setzte der erfolgreichen Arbeit ein vorläufiges Ende. Zitieren wir aus dem Geschäftsbericht für das Jahr 1915: „Die Entwicklung unserer Genossenschaft wurde durch den Krieg ungünstig beeinflußt. An eine Wiederaufnahme der Bautätigkeit ist nun unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zu denken,so sehr auch eine rationelle Ausnutzung der noch vorhandenen unbebauten Grundstücke erwünscht gewesen wäre. Soweit als möglich sind letztere aber durch Umarbeitung zu Garten-land und Verpachtung an unsere Mieter nutzbar gemacht worden“.
Beklagt wurden nun zunehmend Mietrückstände, da einerseits Mieter zum Heeresdienst einrücken mussten und sich zum anderen die Lebenshaltungskosten erheblich verteuerten. Auch Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates vertauschten ihren Zivilanzug mit der Soldatenuniform. An der im letzten Kriegsjahr 1918, am 25. Mai, stattgefundenen Generalversammlung nahmen lediglich zwei Aufsichtsrats- und vier Vorstandsmitglieder sowie vier Genossen teil. Geleitet wurde sie vorn Vorstandsvorsitzenden Ad. Köllmann. Herrn. Dahlmann war weiterhin Vorsitzender des Aufsichtsrates.
(aus Festschrift: Bauverein Gevelsberg eG, 1898-1998)
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